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Physiotherapie

Die Physiotherapie beim Tier hat in den letzten Jahren immer größere Bedeutung gewonnen. Im nachfolgenden Text soll erläutert werden, wo, wie und wann man Physiotherapie, z.B. beim Hund, anwendet.

Was ist Physiotherapie? Sie ist die Behandlung gestörter Körperfunktionen mittels natürlicher Therapieformen. Die Begriffe Physiotherapie und physikalische Therapie werden oft synonym verwendet. Das Wort „Physio“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Natur, natürlich, die natürlichen Lebensvorgänge betreffend“. Der Begriff „Physikalische Therapie“ beschreibt die Behandlung mit physikalischen Mitteln, z. B. mittels Hydrotherapie, Thermotherapie oder Elektrotherapie und ist nur ein Teilgebiet der Physiotherapie. Unter den Begriff der Physiotherapie werden die Behandlungen mittels physikalischer Techniken und die Behandlungen durch die „therapeutischen Hände“ zusammengefasst.
In der Humanmedizin wird die Physiotherapie in vielen Bereichen eingesetzt, wie z.B. in der inneren Medizin, der Orthopädie, der Chirurgie, der Geriatrie und der Sportmedizin, um nur die wichtigsten zu nennen. In der Veterinärmedizin wird die Tierphysiotherapie wird bisher in der Orthopädie, Traumatologie, Neurologie, Geriatrie und im Hunde- und Pferdesport eingesetzt.

Hier ein kleiner Überblick über die physiotherapeutischen Therapieformen, die in der Tiermedizin eingesetzt werden. Die Aufzählung aller Therapiearten/-formen würde den Rahmen sprengen, aus diesem Grund sind nur die wichtigsten therapeutischen Maßnahmen erwähnt:

1. Basistechniken:
• Aktive Techniken: Aktives Bewegen, aktives Bewegen gegen manuellen Widerstand, unterstütztes Bewegen
• Passive Techniken: Lagerungstechniken, passives Bewegen
• Mobilisationstechniken: Traktion, Kompression, Dehnungen
• Gangschulung: Besonders nach Frakturen oder Lähmungen, dazu gehört auch die Hilfsmittel- und Orthesenversorgung
• Haltungsschulung
• Atemtherapie: Drainagelagerungen, Sekretlösung
• Prophylaxen: Kontrakturprophylaxe nach Frakturen, Pneumonieprophylaxe, Dekubitusprophylaxe

2.) Spezielle Techniken:
• Funktionelle Bewegungslehre
• Kraniosakrale Therapie
• Manuelle Therapie
• Osteopathie
• Motorische Fazilitation (Abgeleitet aus der Humanphysiotherapie vom PNF = Propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation)
• Rückenschule

3.) Massagetherapie:
• Klassische Massage

• Lymphdrainage
• Bürstenmassage
• Kolonmassage

4.) Reflexzonentherapie:
• Bindegewebsmassage (BGM)
• Akupunktmassage nach Penzel
• Akupressur

5.) Hydro- und Balneotherapie:
• Kneipp-Anwendungen (Waschungen, Wickel, Güsse)
• Bäder
• Abreibungen, Abklatschungen, Bürstungen
• Bewegungsbad
• Unterwasserlaufband
• Schwimmen

6.) Thermotherapie:
• Kryotherapie
• Wärmetherapie

7.) Elektrotherapie:
• Niederfrequenztherapie (Iontophorese, Ultra-Reizstrom, TENS = Transkutane elektrische Nervenstimulation)
• Mittelfrequenzströme (Interferenzstromtherapie, Russian Technique Muskelstimulation)
• Ultraschalltherapie

8.) Magentfeldtherapie (unter anderem zur Schmerzlinderung)

9.) Lasertherapie (z.b. bei Arthritis)

Einige auf dem Gebiet der Tierphysiotherapie Tätigen suchen nach neuen Möglichkeiten, spezielle humanmedizinische Techniken auf das Tier zu übertragen, mit unterschiedlichen Erfolg. So sind bestimmte Techniken und Griffe sehr gut beim Tier anwendbar, andere hingegen nicht aufgrund der zum Menschen unterschiedlichen Anatomie und/oder der eingeschränkten gezielten aktiven Mitarbeit. Beispiel: Kein Tier wird nur auf Befehl hin seine Vorder- oder Hinterextremität gegen Widerstand in eine bestimmte Stellung bringen.
Gerade diese eingeschränkte zielgerichtete aktive Mitarbeit der Patienten erschwert natürlich die Arbeit des Tierphysiotherapeuten. Als Therapeut ist man zudem fortwährend dabei, die Entwicklung von speziellen auf das Tier abgestimmten Techniken voranzutreiben. Und so ist die Tierphysiotherapie ein sehr interessantes, abwechslungsreiches und im Fluss befindliches Tätigkeitsgebiet.

Warum und wann setzt man Physiotherapie beim Tier ein:

• Zur Wiederherstellung oder Annäherung an einen physiologischen Zustand, z. B. ein physiologisches Gangbild nach einer Operation oder Lähmung.
• Zur Verbesserung der Beweglichkeit (Gelenke, Bänder, Sehnen, Muskeln), z.B. bei Arthrose.
• Zur Verbesserung der Muskelfunktion und des Muskelaufbaus, z.B. nach einem Kreuzbeinriss.
• Zur Schmerzlinderung.
• Zum Konditionstraining.
• Um Heilungszeit zu verkürzen und/oder die Heilung insgesamt zu optimieren
• Zur Erhaltung des gesunden Körpers (Psychische Wirkung auf das Tier).
• Außerdem zur Vorbeugung bei vorzeitigen Alterungsprozessen, erblich bedingten Anfälligkeiten usw.
• Um bei bestimmten Erkrankungen den Erkrankungsstatus zu halten oder zu verbessern.
• Bei sportlich aktiven Tieren.

Das wichtigste in der Tierphysiotherapie ist die genaue Untersuchung des Tieres und damit die Befunderhebung. Dadurch wird es dem Therapeuten ermöglicht, die genaue Problematik des Patienten zu erkennen und einen individuellen Behandlungsplan zu erstellen.

Grenzen der Tierphysiotherapie
Die Grenzen in der Tierphysiotherapie sind von verschiedenen Faktoren abhängig. Hauptsächlich werden die Grenzen gesetzt durch:

Das Tier:
• Manchmal ist es nicht möglich, das Tier zu behandeln, da es zu aggressiv, zu bissig oder zu ängstlich bei der Behandlung ist.
• Die vorliegenden sonstigen Erkrankungen des Tieres (Tumor, Herzfehler, Allergie usw.) die Therapie soweit einschränken, dass man überhaupt nicht mehr physiotherapeutisch arbeiten kann oder nur sehr bedingt.
• Das Erkrankungsstadium des Tieres spielt auch eine wesentliche Rolle. Liegt z.B. ein geringgradiger Herzfehler vor, so kann z.B. die Schwimmtherapie noch durchgeführt werden, aber bei einem hochgradigen Herzfehler ist davon abzusehen.

Der Therapiemethode:
• Manchmal kann die humanmedizinischen Behandlungsmethoden nicht auf das Tier übertragen werden, auch wenn sie noch so gut beim Menschen hilft, da das Tier nicht „bewusst“ mitarbeitet.

Den Besitzer:
• Kann der Besitzer mit dem Tier umgehen? Kann der Tierbesitzer in die Tierphysiotherapie einbezogen werden oder muss der Physiotherapeut alleine am Tier arbeiten?
• Kann der Besitzer seine „Hausaufgaben“ mit dem Hund zu Hause wirklich alleine durchführen oder will der Hund nicht liegen bleiben oder verweigert die Mitarbeit?
• Ist der Besitzer willens und hat er die Ausdauer bei einem sehr pflegebedürftigen Patienten die Therapie durchzuführen oder wird es ihm „zuviel“?
• Kann der Tierbesitzer die Behandlung zeitlich oder finanziell durchführen?

Kontraindikationen – was spricht gegen die Tierphysiotherapie
Bei manchen Erkrankungen kann eine bestimmte physiotherapeutische Therapieform nur eingeschränkt angewendet oder überhaupt nicht durchgeführt werden. Die wichtigsten Kontraindikationen sind:
• Mgr. bis hgr. Herzerkrankungen,
• Tumorerkrankungen,
• Infektionskrankheiten,
• Hauterkrankungen (Mykosen).

Aber die genannten Erkrankungen sprechen nicht grundsätzlich gegen eine physiotherapeutische Maßnahme. So kann ein Hund z.B. mit hgr. Herzfehler trotzdem mit eine Kältepackung behandelt werden, wenn der Tierbesitzer genau aufgeklärt wurde, wo er sie anwenden soll, wie lange und wie oft. Im Endeffekt entscheidet der Therapeut nach gründlicher Untersuchung, ob und wie das Tier behandelbar ist oder nicht. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass der Tierphysiotherapeut vom Tierbesitzer genau aufgeklärt wird, welche Erkrankungen das Tier hat und welche Medikamente das Tier bekommt. Außerdem sollte sich der Tierbesitzer genau erkunden, wo der Tierphysiotherapeut seine Ausbildung absolviert hat. Tierphysiotherapie erlernt man nicht im Fernstudium, sondern sie muss „be-greifen“ werden, bevor man sie anwendet.

Die Tierphysiotherapie ist altersunabhängig. Man kann auch junge Tiere behandeln, um bestimmten Erkrankungen vorzubeugen und es an die Behandlung gewöhnen und damit auch etwas verwöhnen. Alten Tieren wird das Leben erleichtert und die Qualität des Lebens von Mensch und Tier positiv beeinflusst. Auf das Ihr Tier lange lebt und sich gut bewegen kann, denn „nur der rastet, der rostet“.

Autorin:
Dr. Mima Hohmann
Mahlmannstr. 15
04107 Leipzig

19.12.2009