GGTM e.V.

Ohrakupunktur

Dr. Uwe Petermann – 16.03.2007

Geschichte der Ohrakupunktur

Die Ohrakupunktur wurde zunächst ausschließlich in der Humanmedizin angewendet und erforscht. In der TCM gab es nur wenige bekannte Punkte am Ohr oder in unmittelbarer Nähe des Ohres. Diese waren aber in die Körperakupunktur integriert und hatten somit nichts mit dem völlig selbstständigen Akupunktursystem der Ohrakupunktur gemein.
Die Ohrakupunktur ist eine geniale Entdeckung des französischen Akupunkturarztes Dr. Paul Nogier. Um die Selbstständigkeit als eigenständiges Akupunktursystem hervorzuheben, welches zunächst mit der klassischen Akupunktur nichts weiter gemeinsam hatte, als das Einstechen von Nadeln in die Haut, nannte man die Ohrakupunktur auch nach dem Lateinischen auris, das Ohr, auch ganz bewusst Auriculotherapie bzw. Auriculomedizin. In der Tat kann man sagen, dass sich im Laufe nun eines halben Jahrhunderts eine völlig neue Medizin aus dieser Idee entwickelt hat.
Der Ausgangspunkt bei Nogiers Entdeckung war, dass er 1950 bei mehreren Patienten mit chronischen Ischiasbeschwerden aus dem iberischen und nordafrikanischen Raum am Ohr Narben fand, die nach deren Angaben von in therapeutischer Absicht durchgeführten Kauterisationen stammten und ihre damaligen Beschwerden sehr gut innerhalb weniger Minuten bis Stunden gelindert hatten. Nogier hatte die Vermutung, dass es sich ähnlich Akupunkturpunkten um Trigger- oder Reflexpunkte am Ohr handeln könnte, über die man einen regulierenden Einfluss auf die entsprechenden Körperregionen ausüben könnte. Die Frage nach der Lage eventueller weiterer Reflexpunkte am Ohr brachte ihn schließlich auf eine spontane Idee. Da der Ischiaspunkt am Ende der Anthelix lag, meinte er, dass die gefundenen Triggerpunkte am Ohr einer Abbildung des Körpers gleichen könnten, bei der die Anthelix die Wirbelsäule repräsentierte. Hierbei war die Zuordnung in etwa der eines auf das Ohr projizierten Fetus. Der Kopf ist auf den Bereich des Ohrläppchens (Lobulus), die Wirbelsäule von dort weiterführend auf die Anthelix und die Gliedmassen auf die Scapha projiziert. Fast alle Organreflexzonen befinden sich in der Concha. Zunächst suchte Nogier dann bei entsprechenden Schmerzen z.B. der Halswirbelsäule in dem am Ohr vermuteten Bereich nach drucksensiblen Punkten und fand auch solche. Auch beim Stechen der neuen Punkte konnte er zum Teil sehr gute spontane Erfolge erkennen.
In Frankreich entwickelte Nogier seine Methode durch weitere Untersuchungen und vor allem durch die Hinzunahme der RAC-Tastung kontinuierlich weiter und fand ein immer dichteres Punktenetz am Ohr. Das zunächst sehr grobe Schema wurde im Laufe der Jahre anfangs von Nogier, später vor allem von Bahr und Strittmatter in der Deutschen Akademie für Akupunktur und Auriculomedizin (DAA) sehr intensiv weiterentwickelt. Inzwischen sind in der Humanmedizin außerordentlich detaillierte Ohrkarten entstanden (Strittmatter 2005), in der nicht nur exakte Organlokalisationen und orthopädische Lokalisationen festgelegt sind, sondern auch genaue nervale Strukturen wie z.B. Nervus Trigeminus, Ganglion Stellatum, Plexus Coeliacus usw. zu finden sind. Beginnend in den 80er Jahren hielt die Ohrakupunktur auch zunächst zögerlich Einzug in die Tiermedizin.

Ohrakupunktur als einfacher Einstieg in die Akupunktur

Es handelt sich bei der Ohrakupunktur zunächst um einen rein westlichen Gedankenansatz. Man behandelt hier ganz einfach Triggerpunkte für die Leber, den Dickdarm, das Ovar, bzw. den „Nierenpunkt“ den „Thymuspunkt“ oder den „Uteruspunkt“. In der orthopädischen Ohrakupunktur behandelt man einfach den „Kniegelenkspunkt“, den „Ellbogenpunkt“ oder den Punkt des 3. Brustwirbels usw.! Das heißt, genauso, wie es für jede Körperstruktur, sei es ein Gelenk, ein Organ, ein Muskel oder ein Nerv einen konkreten Projektionsbereich in der Hirnrinde gibt, gibt es einen analogen Referenzpunkt bzw. Bereich am Ohr. Die neurologischen Zusammenhänge zwischen Ohrpunkt und Körper beweist eine ganz aktuelle Untersuchung Alimi et al., bei der augrund von Magnetresonanzuntersuchungen des Gehirns ermittelt werden konnte, dass durch eine Reizung z.B. des Kniegelenkpunktes am Ohr exakt das gleiche Areal der Hirnrinde aktiv wird, wie bei der direkten Reizung des Kniegelenkes.
Die Tatsache, dass man diese Ohrpunkte nun sowohl zur Diagnose als auch zur Therapie nutzen kann, eröffnet uns einen denkbar einfachen Einstieg in die Akupunktur. Man braucht, um mit der Ohrakupunktur beginnen zu können, nicht sein westlich geprägtes medizinisches Denken über Bord werfen und muss sich zunächst nicht einmal mit dem östlichen Gedankengut intensiver befassen, welches uns ja völlig fremd und daher sehr unverständlich erscheint. Man kann ganz einfach eine Nierenerkrankung über den Nierenpunkt behandeln und eine Follikelreifungsstörung, ganz und gar schulmedizinisch denkend, über den Hypophysenpunkt und es wirkt hervorragend! Wenn man so schnell und ohne vollständig umdenken zu müssen, gute Erfahrungen mit der Akupunktur gemacht hat, steigt auch sehr schnell das Interesse, sich mehr mit der Materie zu beschäftigen, das heißt, sich nun auch mit größerer Motivation den für uns nicht so leicht verständlichen Vorstellungen der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) zu stellen und zu beginnen sie zu erlernen.

Lage der Ohrakupunkturpunkte beim Tier

Beginnen wir die Betrachtung einmal mit der Helixwurzel (hierzu ist es sinnvoll die Ohranatomie noch einmal zu rekapitulieren). Unter der Helixwurzel finden wir in Richtung Concha die Organpunkte für den Urogenitalbereich. Beim Menschen zieht sich dann die Helix von der Wurzel ausgehend in Form einer Krempe um das ganze Ohr und bildet bei Pferd und Hund den Ohrrand. Die gesamte von der Helix eingeschlossene Fläche des äußeren Ohres ist die Scapha. Hier finden wir die orthopädischen Punkte für die Vorder- und Hintergliedmaßen und zwar vom Punkt Bl40, dem Histaminpunkt, beginnend mit den Zehengelenken, zur Crus Helici hin, die Hintergliedmaße. Vom Punkt Bl40 zunächst ein Stück weit Richtung Ohrspitze, dann nach caudal und schließlich zur Anthelix hin, liegen die Punkte der Vordergliedmaße. Zum Inneren des Ohres wird die Scapha begrenzt von der Anthelix, auf der sich die gesamte Projektion der Wirbelsäule befindet. Die Anthelix trennt die Scapha von der Concha, in der wir den größten Teil der Organpunkte finden. Die Concha wird nun im Anwachsungsbereich des Ohres am Kopf augenwärts vom Crus Helici aus, vom Tragus, der Incisura Intertragica und dem Antitragus begrenzt. Inzwischen bestätigt mir eine nun 19- jährige eigene Erfahrung im Umgang mir diesen Ohrkarten die hohe Verlässlichkeit der gefundenen Punkte. Als Beispiel möchte ich die erste Veröffentlichung meiner Ohrkarte vom Pferd von 1989 vorstellen (Abb1)

Abb1 Orthopädische Ohrkarte vom Pferd von 1989 mit einigen übergeordneten Punkten: Allergiehinweispunkt (Bl40), Valiumpunkt (Ni6), ACTH Punkt (Le13), Thalamuspunkt (Di4), Thymuspunkt (3E5), Omega Hauptpunkt (MP21) und Prostaglandin E1 Punkt (Gb41).

Auffinden der aktiven Ohrpunkte

Im Gegensatz zur den Körperakupunkturpunkten, die sich bedingt durch ihre Anatomie alle durch ein erniedrigten elektrischen Hautwiderstand auszeichnen, sind in der Ohrakupunktur nur die pathologischen Punkte, also diejenigen, die eine vegetative Imbalance ausdrücken, elektrisch auffällig. Diese Tatsache kann man nutzen, um diese Punkte mit einem Punktsuchgerät ausfindig zu machen. Eine weitere, deutlich zuverlässigere und einfacher durchzuführende Detektionsmethode ist die mittels RAC Diagnostik. Diese ebenfalls von Dr. Nogier gefundene Methode nutzt eine bei der Reizung aktiver Punkte entstehende „Mikrostressreaktion“, die zu einer tastbaren Veränderung der Pulsqualität führt. Der Untersucher tastet also den Puls des Patienten, während er das Ohr z. B. mit dem Laserstrahl des Akupunkturlasers, oder einem elektrischen Feld (sogenanntem 3- Volt- Hämmerchen) absucht und bekommt so jeweils vom Puls des Patienten aufgrund dessen „Mikrostessreaktion“ den aktiven (vegetativ gestörten) Punkt angezeigt. Diese Form der Pulstastung hat nichts zu tun mit der Pulstastung der TCM.

Nutzen der Ohrakupunktur

Durch diese Form der Diagnostik hat sich eine einmalige Möglichkeit ergeben, den Organismus nach Imbalancen abzusuchen. Das heißt, dass man z.B. in der Concha nach Organschwächen suchen kann. So findet man z.B. bei einer Nierenschwäche (auch schon bei unveränderten Blutparametern) den Nierenpunkt, bei einer Lungenbelastung den Lungenpunkt, bei einer ovariellen Störung den Ovarpunkt und bei einer Pyometra den Uteruspunkt, den Ovarpunkt und den Gestagenpunkt usw. Die so gefundenen Punkte haben natürlich nicht nur diagnostischen Nutzen sondern sind gleichzeitig auch äußerst effektive therapeutische Punkte. Wenn sie über den Laserstrahl des Akupunkturlasers oder durch das Setzen einer Nadel nachhaltig genug gereizt werden, bleibt es nicht bei der zunächst initiierten Mikrostressreaktion. Es wird darüber hinaus die starke vegetativ regulierende Reaktion in Gang gesetzt, die die außerordentliche Heilwirkung der Ohrakupunktur (ebenso wie auch bei der Körperakupunktur) aktiviert.
Mindestens ebenso interessant ist die Nutzung der Ohrakupunktur in der orthopädischen Diagnostik. Über das Absuchen der bei einer Lahmheit in Frage kommenden Ohrbereiche kann man innerhalb weniger Sekunden feststellen, ob bei einem Hund oder einem Pferd z. B der Hüft Punkt oder der Knie Punkt aktiv ist, oder der Schulterpunkt, der Ellbogenpunkt oder ein Punkt im Bereich des Fußes. Darüber hinaus kann man auch nach etwaigen Zusammenhängen einer Lahmheit mit der Wirbelsäule (was fast immer der Fall ist) fahnden und so innerhalb kürzester Zeit eine sehr sichere und sogar über die normale Diagnose hinausgehende Lahmheitsdiagnostik machen. Auch hier gilt, dass die gefundenen Punkte außerordentlich effektive therapeutische Punkt sind. Diese Diagnostik habe ich beim Pferd etwa zehn Jahre lang in Hunderten von Fällen mit diagnostischen Injektionen begleitet und überprüft. Es hat sich herausgestellt, dass sie sehr sicher ist, so dass ich seit etwa zehn Jahren völlig auf die diagnostischen Injektionen verzichten kann. Auch beim Hund liegen etwa zehn Jahre Erfahrung mit dieser Diagnostik vor. Beim Hund hat man noch den Vorteil, dass man am liegenden Hund das Ohrinnere sehr viel besser einsehen kann und so die Organpunkte sehr viel einfacher finden kann.

Übereinstimmung von Ohr und Körperakupunktur

In den 90er Jahren hat man in der DAA (Deutsche Akademie für Akupunktur und Auriculomedizin) eine Technik entwickelt, mit der man auch die bekannten Körperakupunkturpunkte auf das Ohr projizieren kann. So sind seit etwa zehn Jahren beim Menschen auch die Meridianverläufe am Ohr bekannt. Die hierbei gefundenen Übereinstimmungen waren absolut verblüffend, wenn man bedenkt, dass die Ohrakupunktur auf einem rein westlichen Medizinverständnis basiert und zunächst keinerlei Verbindung zur traditionellen Akupunktur hatte. Um nur wenige Beispiel zu nennen, fand man den Tonisierungspunkt der Niere, Ni7 auf dem zuvor bekannten Nierenpunkt, den Kardinalpunkt des Lungenmeridians, Lu7 auf dem zuvor bekannten Lungenpunkt. Der traditionelle Meisterpunkt gegen Schmerzen, Di4 befand sich auf dem zuvor bekannten Thalamuspunkt. Der Thalamus ist für die Weiterleitung des Schmerzreizes zur Hirnrinde und somit für die Wahrnehmung des Schmerzes eine sehr wichtige Passagestation. He3 ist der motorische Herzpunkt, He4 der vegetative Herzpunkt, MP4 der vorher bekannte „Interferonpunkt“, MP5 der Ovarpunkt, MP6 der Uteruspunkt usw.. Diese neuen Erkenntnisse können uns nicht nur ein neues Verständnis aus wissenschaftlicher Sicht für die Akupunktur vermitteln. Sie zeigen auch in eindrucksvoller Weise, dass westliche Ohrakupunktur und traditionelle Körperakupunktur absolut deckungsgleich auch aus vollständig unterschiedlichen Gedankenkonzepten heraus die gleiche Natur beschreiben und therapieren.
Nachdem die erste Ohrkarte mit den grundlegenden Punkten beim Pferd erstellt war konnten die orthopädischen Punkte und auch die Organpunkte immer exakter und detaillierter eingezeichnet werden. Später wurden in der gleichen Weise die Ohrkarten vom Hund erarbeitet, so dass man anhand der Karten die Punkte sehr deutlich nachvollziehen und damit arbeiten kann. In den letzten beiden Jahren ist es mir gelungen auch für das Pferd und den Hund das gesamte Meridiansystem auf das Ohr zu übertragen und übersichtliche Karten dafür zu erstellen. Als Beispiel möchte ich die Karte für den Herzmeridian des Hundes erläutern (Abb2).

Abb2: Die Punkte He1 – He3 verlaufen auf der Außenseite des Ohres. Mit dem Punkt He 4 zieht der Meridian auf die Innenseite und in die Concha um auf der Außenseite der Anthelix in der Nähe der HWS- Punkte mit dem Tonisierungspunkt He9 zu enden. Dieser Punkt ist nicht nur als einer der wichtigsten Notfallpunkte im Schockzustand sondern auch als psychisch wichtiger Punkt von Bedeutung. In der Ohrakupunktur ist er der „Anti- Depressionspunkt“ oder positiv formuliert der „Freudepunkt“, der damit wesentlich den emotionellen Aspekt des Herzmeridians anspricht.

Ausblick

Meiner Meinung nach ist die Ohrakupunktur heutzutage ein essentieller Bereich der Akupunktur, der sehr viel mehr unserem Krankheitsverständnis entspricht und somit den Einstieg in die Akupunktur wesentlich erleichtert. Das auch die chinesische Welt dieses neue Verständnis aufgreift und sich zunutze machen will, zeigt der sehr intensive Austausch zwischen der DAA und den beiden größten chinesischen Akupunkturuniversitäten Beijang und Nanging, auf dem Wissen in beide Richtungen strömt. So kann Harmonie und Ausgleich erzielt werden, was dem Grundprinzip der Akupunktur entspricht.

Literatur

  1. Alimi D, Geissmann A, Gardeur D. Auricular Acupuncture Stimulation Measured on Functional Magnetic Resonance Imaging, Medical Acupuncture- A Journal for Pysican by Physicans Volume 13/Number 2
  1. Ambronn, G., Petermann, U., Werner, L. (2001) Ohrakupunktur in der Veterinärmedizin Sonntag Verlag, Stuttgart
  1. Bahr, F. (1987) Systematik und Praktikum der wissenschaftlichen Akupunktur für Fortgeschrittene (Stufe 3). Eigenverlag, München
  1. Krüger P. und Krüger H. (1980) Grundlagen der Aurikulotherapie bei Hund und Pferd. Der Akupunkturarzt/ Aurikulotherapeut 1/1980/13ff
  1. Litscher, G. et al. (2004) Die schmerzfreie Laser-“Nadel”-Akupunktur moduliert die Gehirnaktivität. Schmerz und Akupunktur; 1:4-1
  1. Nogier, P. F.M. (1981) Lehrbuch der Auriculotherapie Maisonneuve, Sainte Ruffine
  1. Petermann U. (1989) Die Ohrlokalisationen der Gelenke beim Pferd. Akupunkturarzt/Aurikulotherapeut 7-8/1989/167
  1. Petermann, U. (2002) Earacupuncture Map of the horse, Procc. of 28th IVAS 2001 world congress, Liuhe Hawaii, USA, 1-3
  1. Petermann, U. (2007) Kontrollierte Ohrakupunktur bei Hund und Pferd, Praxis Lehrbuch, Sonntag Verlag, Stuttgart (erscheint im Juli 2007)
  1. Still J. (1987) Auriculodiagnostic points in the dog: relationship to disorders of the nervous and locomotor system. Am J Acupunct 15: 261-268
  1. Strittmatter, B. (2005) Taschenatlas Ohrakupunktur nach Nogier/Bahr 3. überarb. Aufl., Hippokrates Verlag, Stuttgart

Weitere Informationen: www.akupunkturtierarzt.de


Artikel erstellt am: 16. März 2007, 10:01