GGTM e.V.

Neuraltherapie

Dr. Christiane Demmrich-Wander – 16.03.2007

Die Neuraltherapie bedeutet die Heilung über das vegetative Nervensystem. Anfangs wurde diese Therapie als Heilanästhesie bezeichnet. Der Begriff „Neuraltherapie“ wurde 1938 von dem Berliner Arzt Dr. v. Roques geprägt. Die Neuraltherapie ist eine ganzheitliche Regulationstherapie. Durch gezielte Injektionen eines örtlichen Betäubungsmittels in erkrankte oder schmerzhafte Gebiete und an bestimmte Stellen, sogenannte Störfelder, kommt es zur verbesserten Durchblutung mit Schmerzausschaltung und zur Störfeldbeseitigung.
Vor 1905 wurden schon viele dieser Heileffekte nach der Injektion von Kokain an Nervenwurzeln beobachtet. Nach der Synthese von Procain 1905 durch Prof. Einhorn wurde dieses Procain nahezu von allen Ärzten und bei allen Indikationen, besonders bei Schmerzen und Entzündungen sehr erfolgreich eingesetzt. Den Brüdern Dres. Walther und Ferdinand Huneke verdanken wir in diesen Jahren eine geniale Beobachtung, die uns heute als Störfeldtherapie bekannt ist. Zur Injektion an Nerven wird heute auch Lidocain als Neuraltherapeutikum benutzt. Damit kommt es zur Ausschaltung ihrer auf dem Nervenwege oder über die Funktionskette der Wirbelsäule übermittelten krankmachenden Wirkungen auf entfernte Körperorgane oder Organsysteme.

Strukturformel Procain (Bild: STEIGERWALD Arzneimittelwerk GmbH)

Die Neuraltherapie ist eine Regulations- und Umstimmungstherapie. Ziel einer Regulationstherapie ist es, Fehlfunktionen des Organismus durch Ausschaltung von Fehlinformationen und Anregung von Regulationsprozessen zu normalisieren. Hierzu werden örtliche Betäubungsmittel, Lokalanästhetika, bevorzugt das Procain, verwendet.
Es wird auf die Molekülgröße des Procains und die im Gewebe entstehenden Abbauprodukte p-Aminobenzoesäure und Diaethylaminoethanol zurückgeführt.

Die von uns gelehrte Neuraltherapie beachtet die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Konvergenzverschaltung im spinalen Hinterhorn und der sympathischen bzw. parasympathischen Divergenzverschaltung. Ebenso lehren wir gezielt die Diagnostik und Therapie der segmentüberschreitenden Muskelketten.
Unter dem Einfluss des gesamten Nervensystems und der Regulation über das Grundsystem werden alle lebenswichtigen Funktionen geregelt, wie z. B. Stoffwechsel, Durchblutung, Temperatur und Zellatmung, Energiehaushalt und Säurebasen-Gleichgewicht. Auch die ersten Gegenregulationen gegen Störungen im Organismus laufen hier ab. Der Nutzen der Neuraltherapie ist durch eine große Anzahl von eindrucksvollen Heilerfolgen sowie klinischen Studien belegt. Lokalanästhetika vom Estertyp haben unter anderem eine periphere schmerzstillende, entzündungshemmende und lymphabflussanregende Wirkung. Die Neuraltherapie beruht auf der Vorstellung, dass das vegetative Nervensystem als Schaltstelle zwischen Leib und Seele aufzufassen ist und somit über die vegetativen Nervenbahnen Krankheitsprozesse beeinflusst werden können. Die Voraussetzung für diese Behandlung ist die genaue Kenntnis der Anatomie und Neurophysiologie.

Der Einsatz der Lokalanästhetika erfolgt unter Berücksichtigung der von dem britischen Neurologen Henry Head veröffentlichen These, wonach ein nervlicher Zusammenhang mit bestimmten Körperpartien besteht, die über die Haut beeinflussbar sind (cuti-visceraler Reflex). Die mit dem Wirkort in Verbindung stehenden Hautareale werden als “Reflexzonen oder HEADsche Zonen” bezeichnet.

Wir unterscheiden in der Behandlungsstrategie, die Segmenttherapie, die erweiterte Segmenttherapie und die Störfeldtherapie.

Segmenttherapie:

Die Neuraltherapie beruht auf der Vorstellung, dass das vegetative Nervensystem als Schaltstelle zwischen Leib und Seele aufzufassen ist und somit über die vegetativen Nervenbahnen Krankheitsprozesse beeinflusst werden können. Die Voraussetzung für diese Behandlung ist die genaue Kenntnis der Anatomie und Neurophysiologie mit Dermatom, Myotom, Osteotom, Viscerotom und Angiotom. Unter Nutzung der kutivisceralen und visceromotorischen Reflexbögen werden sympathische und parasympathische Entgleisungen der Funktion und Regulation korrigiert. Für die Wirkung ist stets der Ort der Injektion entscheidend, nicht die Menge des Medikamentes. Meistens werden nur wenige Milliliter des Lokalanästhetikums zur Therapie gebraucht. Deshalb treten hierbei kaum Nebenwirkungen auf. Es werden in der Haut Quaddeln gesetzt, in der Muskulatur Triggerpoints , Ursprung und Ansatz infiltriert, Periostpunkte oder Gelenkkapseln umflutet oder in und an Gefäße gespritzt. Innere Organe können über diese Wege in ihrer Funktion beeinflusst werden.
Reichen diese segmentalen Injektionen nicht zur Korrektur aus, müssen die sympathischen oder parasympathischen Schaltstellen, d.h. die Ganglien in ihrer efferenten und auch afferenten Reizleitung unterbrochen werden. Es ist die erweiterte Segmenttherapie.

Erweiterte Segmenttherapie:

Die sympathischen Ganglien liegen im Grenzstang, also außerhalb des Wirbelkanals. Diese sind bei entsprechender Indikation mit guter anatomischer Kenntnis und mit besonderen Sicherheitsvorkehrungen und genau definierten Injektionstechniken gut erreichbar. Das Ganglion cervikale superior, das Ganglion stellatum und das Ganglion coeliakum und Injektionen an den lumbalen Grenzstrang haben sich hier besonders bewährt. Sie sind für besondere Indikationen vorbehalten.
Die cranialen parasympathischen Ganglien (Ggl. ciliara, Ggl.sphenopalatinum und Ggl. Oticum) sind im Kopfbereich eine Injektion gut und ungefährlich zugängig . Ihre Bahnen benutzen als Leitschiene die Trigeminusäste. Die Reizzustände aus den Nasennebenhöhlen, aus den Zähnen mit verschiedenen Metallen, Entzündungsherden, Bissstörungen (craniomandibuläre Dysfunktionn), aus den Tonsillen und dem Ohr werden in die muskulären Steuerungen der Kopfgelenke eingeleitet. So wird vom HNO-Bereich aus die gesamte Wirbelsäulenstatik beeinflusst und sympathische Reizzustände in die verschiedensten Ebenen der Wirbelsäule unterhalten. Besonders der Zahnarzt ist in seinem verantwortungsvollen Handeln für die Reizreduktion in diesem Bereich verantwortlich. Die sacralen parasympathischen Ursprungskerne liegen im Os sacrum und benutzen als Leitschiene den N. pudendus. So können gynäkologische Erkrankungen oder Reizzustände sich mit den trigeminalen Reizzuständen gegenseitig beeinflussen und neuraltherapeutisch ideal behandelt werden.

Störfeldtherapie:

Ein Störfeld stellt einen oligo- oder asymptomatischen, chemisch veränderten Gewebebezirk dar, von dem es zu einer Reizentstehung kommt. Der segmentüberschwellige Reiz wird persönlichkeitsspezifisch neuroplastisch verarbeitet. Seine Projektion löst eine Folgekrankheit aus (Herdkrankheit). Die neuroplastische persönlichkeitsspezifische Projektion erfolgt:

  1. über das spinale Vorderhorn zu einer Muskelfunktionskette.
  2. über das sympathische Seitenhorn zum Grenzstrang mit seiner divergierenden Verschaltung.
  3. über den Vorderseitenstrang zur somato-psychischen Verarbeitung, wobei die Formation reticularis eine Querverbindung zur trigeminalen Projektion herstellt.


Artikel erstellt am: 16. März 2007, 09:49