GGTM e.V.

Chiropraktik

Dr.med.vet. Ines Wecker – 15.1.2008

Geschichte der Chiropraktik
Chiropraktik leitet sich von den griechischen Wörtern „cheiros“ = Hand und „praktik“ = Behandlung ab und bedeutet damit wörtlich das Behandeln von Patienten mit den Händen. Chiropraktik ist eine sehr alte Behandlungsmethode, bereits Hippokrates (460 – 370 vor Christus) wendete chiropraktische Techniken an und empfahl den Ärzten: „Erlanget Wissen über das Rückgrat, viele Krankheiten kommen von hier!“ Erst im 19. Jahrhundert wurde Chiropraktik in den Vereinigten Staaten von Amerika neu entdeckt. D.D. Palmer (1845–1913) aus Davenport, Iowa, gilt als der Begründer der modernen Chiropraktik. Bis vor relativ kurzer Zeit beschäftigte sich dagegen kaum jemand mit der Anwendung von Chiropraktik *an Tieren. Dr. Sharon Willoughby, heute Alaska, ist es zu verdanken, dass es seit etwa 20 Jahren ein fundiertes Behandlungsschema für Vierbeiner gibt. Als eine von weltweit wenigen Tierärzten hatte sie im Vorfeld bereits das Studium der Humanchiropraktik absolviert und war so in der Lage, das bekannte Wissen über Chiropraktik auf die Anwendung am Tier zu übertragen.

Durchführung von Chiropraktik
Die Anwendung von Chiropraktik erfolgt vorwiegend an der Wirbelsäule, wird jedoch an allen erreichbaren Gelenken des Körpers im gegebenen Fall eingesetzt. Die korrekte Anwendung der spezifischen Techniken verlangt vom behandelnden Tierarzt ein hohes Wissen über funktionelle Neurologie und Biomechanik des Patienten. Er wird bei der Untersuchung die Beweglichkeit jedes einzelnen Wirbelsegments überprüfen.

*Überprüfung der Beweglichkeit
des 5. Halswirbels beim Hund*

Einschränkungen in der normalen Beweglichkeit in einer oder mehrerer Bewegungsachsen werden als VSC = Vertebraler Subluxations-Komplex bezeichnet. Ein VSC wird definiert als eine abweichende Beziehung zwischen zwei benachbarten Wirbeln, die funktionelle und/oder pathologische Folgen haben kann und die dem Segment zugehörige Strukturen oder Körpersysteme direkt oder indirekt betrifft. Symptome des VSC in einem Wirbelsegment sind -Schmerz/Empfindlichkeit -Wärme -Veränderte Beweglichkeit Durch das Adjustment, einen schnellen, spezifischen Impuls, ausgeführt gelenksnah mit kleiner Amplitude, wird die normale Beweglichkeit des Wirbels wiederhergestellt und damit die neurologische Funktion des Spinalsegmentes optimiert.

Außerdem führt der chiropraktische Impuls zu einem sehr leichten Auseinandergleiten der Gelenksflächen und hilft somit, Adhäsionen zu lösen. Mangel an Beweglichkeit in einem Gelenk führt initial zu Steifheit und Schmerz, gefolgt von Degeneration des Gelenkes und Ankylosierung. Studien (Greg Cramer, 2006) haben gezeigt, das in den ersten Stadien induzierter Immobilisation eines kleinen Wirbelgelenkes die eingeschränkte Beweglichkeit fast ausschließlich durch Muskeln und Sehnen hervorgerufen wurde, später führten Strikturen von Kapseln und Bändern zur reduzierten Beweglichkeit gefolgt von intra-artikulären Adhäsionen. Bei einer solchen chronischen Bewegungseinschränkung kann Chiropraktik helfen, die Beweglichkeit zu verbessern. Das Ziel ist ein gesundes System in Balance mit sich und der Umwelt.

Wirkungsprinzip der Chiropraktik
Chiropraktik als integrative Heilmethode fußt philosophisch auf der Triade der Gesundheit. In diesem Modell werden den Einflüssen von Körperstruktur, Biochemie und Emotionen auf die Gesundheit gleichwertige Bedeutung zugemessen. Der direkte Einfluss von Chiropraktik in diesem Modell wird vor allem der Seite „Struktur“ zugeordnet. Alle drei Seiten in diesem Modell befinden sich jedoch in Abhängigkeit zueinander. Daher ist es erklärbar, dass die chiropraktische Behandlung einer Störung im Bereich der Wirbelsäule (Struktur) zur Heilung
z.B. von Stoffwechselproblemen (Biochemie) führen kann.

Veterinärmedizinisch betrachtet ist der Schlüssel zur Wirkungsweise von Chiropraktik in funktioneller Neurologie zu finden.

Funktionelle Neurologie
Chiropraktik bedeutet nicht, herausgesprungene Wirbel wieder an ihren Platz zu stoßen. Chiropraktik bedeutet die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung neuronaler Gesundheit vorzugsweise mit leichter Hand: Das Nervensystem ist abhängig von umfassender afferenter Information über alle Vorgänge die den Körper intern und extern beeinflussen, um in jedem Moment richtige Entscheidungen im Gehirn zu treffen (Integration) und diese über funktionierende efferente Leitungen in Aktionen der beiden Output-Systeme motorisches und autonomes Nervensystem umzusetzen. Chiropraktik beeinflusst vor allem die afferenten Teile dieses Funktionskreises. Beispiel: Wenn Tiere mit Lahmheiten in unserer Sprechstunde vorgestellt werden, untersuchen wir zu Recht zuerst die Gelenke der auffälligen Gliedmaße auf Schmerzhaftigkeit. Gelenke sind verletzungsgefährdeter als andere Strukturen des Bewegungsapparates. Sie müssen Beweglichkeit erlauben und doch Stabilität besitzen – keine einfache Aufgabe. Die Bewegung jedes Gelenkes durch den ihm eigenen, gesamten physiologischen Bewegungsradius wird durchgeführt und stabilisiert von Muskeln, gelenkt vom Bindegewebe und kontrolliert vom Nervensystem. Muskeln bewegen die im Gelenk verbundenen Knochen in fein abgestimmter motorischer Kontrolle in einem Bewegungsradius, der für jede Situation angemessen ist. Wenn Muskeln unangemessen arbeiten, können Zug-, Druck-oder Scherkräfte von außen zu stark auf den Körper einwirken -in den meistens Fällen beruht die Verletzung eines Gelenkes auf einem Fehler der das Gelenk unterstützenden Muskeln und Sehnen. Damit Muskeln zu jedem Zeitpunkt auf alle auf den Körper einwirkenden Kräfte reagieren, benötigen sie die Anregung von Nerven. Die Information hierzu wird vom ZNS losgeschickt. Aber die richtige Antwort auf Reize kann nur dann erfolgen, wenn dem ZNS der jeweilige Ist-Zustand der Muskellängen und Gelenkpositionen zu jedem Zeitpunkt bekannt ist! Mechanorezeptoren sind der größte Pool von vorgeschalteten Nervenzellen, die dem ZNS das Bild des Ist-Zustandes vermitteln. Mehr als alle anderen Informationen, die in jedem Moment auf das Gehirn einwirken, stammen von Mechanorezeptoren, v.a. Muskelspindelzellen, Sehnenspindelzellen und Mechanorezeptoren der Gelenkkapseln. Der relative Anteil an Muskelspindelzellen ist in kleinen Muskeln höher als in großen Muskelgruppen. Paraspinale Muskeln sind sehr reich an diesen Mechanorezeptoren und haben damit einen immensen Einfluss auf Propriozeption und Balance. Unter dem Strich führt also die Summe aller Informationen, die das Gehirn erhält nach Integration zu einer angemessenen Antwort auf interne und externe Reize und damit zur Aufrechterhaltung von Gesundheit. Jede Veränderung des afferenten Informationsflusses führt zu Veränderungen des integrierten Status im Gehirn und damit zu Änderungen in der Antwort auf Reize. Die neurologische Achillesferse im System ist das dorsale Spinalnervenwurzelganglion. Es befindet sich im Intervertebralen Foramen dicht an der Gelenkkapsel der kleinen Wirbelgelenke. Das dorsale Spinalnervenwurzelganglion enthält die Zellkörper aller sensiblen (afferenten) Neuronen (Ausnahme: Cranialnerven). Es ist empfindlicher gegen mechanische Einflüsse als Spinalnerven oder periphere Nerven durch:

1 Seine Lage im Intervertebralen Foramen – denn da ist es ziemlich eng
2 Es hat keine Schutzhüllen wie Epineurium oder Perineurium
3 Es ist abhängig von nur einer Arterie zur Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen.

Eine nur leichte Bewegungseinschränkung zwischen zwei benachbarten Wirbeln kann zur Beeinträchtigung der Funktion des dorsalen Nervenwurzelganglions führen, somit zu Störungen in der afferenten Informationsleitung und damit zu veränderter, nicht vollständig ausbalancierter Antwort des Körpers auf Umweltreize. Das Lösen der Bewegungseinschränkung durch ein chiropraktisches Adjustment stellt den Normalzustand wieder her. Beim chiropraktischen Adjustment werden Mechanorezeptoren angeregt. Veränderungen der Muskellänge (Muskelspindelzellen), der Muskelspannung (Sehnenspindelzellen) und der Gelenkposition (Mechanorezeptoren des Gelenkes) werden als Informationen zum Rückenmark geleitet. Durch die relativ hohe Anzahl von Mechanorezeptoren nahe der Wirbelsäule und die Auswirkungen der von hier weitergeleiteten afferenten Information auf alle dem Spinalsegment zugeordneten Bereiche des Körpers erklärt sich die Effektivität von Chiropraktik auch auf andere Bereiche des Körpers.

Anwendungsbereiche von Chiropraktik

Eine der Definitionen von Chiropraktik ist
„Die Kunst der Wiederherstellung vollständiger und schmerzfreier Beweglichkeit“

Den größten Nutzen bietet Chiropraktik im Rahmen der Präventivmedizin. Ein neurologisch top-fittes System bietet größtmöglichen Schutz vor Schaden durch innere und äußere Einflüsse. Ein Pferd mit einer Einschränkung der Beweglichkeit z.B. im Iliosakralgelenk (Beckenschiefstand) wird ein funktionell langes und ein funktionell kurzes Bein haben. Bei der Ganganalyse würde das funktionell kurze Bein eine verkürzte Schrittlänge aufweisen und härter auf dem Boden auffußen; das funktionell lange Bein müsste einen leichten Bogen beschreiben, um nach vorne geführt zu werden. Dieses Gangmuster führt zu einer stärkeren Belastung von Knie-und Hüftgelenk des funktionell langen Beins und könnte dort auf lange Sicht zu pathologischen Veränderungen führen. Die verstärkte Stossbelastung des funktionell kurzen Beines könnte dort auf lange Sicht zu Veränderungen von Bändern und Sehnen und der unteren Gelenke des Beines führen. Durch das Lösen der Hypomobilität im Iliosakralgelenk und somit der Wiederherstellung eines physiologischen Gangbildes wäre dem vorgebeugt. Gut ausgebildete Veterinär-Chiropraktoren erkennen Schwachstellen, bevor daraus pathologische Veränderungen entstehen. Pathologische Veränderungen limitieren den Erfolg der chiropraktischen Behandlung.
Eine kleine Übersicht über die für eine chiropraktische Behandlung beim Pferd sprechenden Symptome:
-Eingeschränkte Leistungsfähigkeit -Abnormale Haltung -Widersetzlichkeit beim Satteln -Widersetzlichkeit beim Reiten -Wegdrücken des Rückens -Schweifschlagen -Mangelnde Versammlung -Verhaltensänderungen -Schmerzen -Berührungsempfindlichkeit -Taktunreinheiten -Ungeklärte Lahmheiten -Steifheit -Muskelatrophie -Verkürzte Schrittlänge in einem oder mehreren Beinen -Infektanfälligkeit -Schwierigkeiten, das Pferd durch das Genick zu reiten -Schwierigkeiten in der Biegung bi-oder unilateral
Eine kleine Übersicht über die für eine chiropraktische Behandlung beim Kleintier sprechenden Symptome: -Bewegungsunwilligkeit -Abnormale Haltung -Unfähigkeit, Treppen zu steigen oder auf einen erhöhten Platz zu springen -Leistungseinschränkung -Schmerzäußerungen beim Hochheben oder bei bestimmten Bewegungen -Sitzhaltung verändert, Sitzen wie ein Welpe -Verhaltensänderung -Berührungsempfindlichkeit -Irreguläres Gangbild -Steifheit -Muskelatrophie -Lumbalgie, Diskopathie -Leckgranulome -Infektanfälligkeit -Ungeklärte Lahmheiten -Verkürzte Schrittlänge in einem oder mehreren Beinen -Wiederkehrende Ohrinfektionen/Analbeutelentzündungen -Harninkontinenz -Stoffwechselstörungen -Rehabilitation nach Operationen
Neben der Präventivmedizin versteht sich Chiropraktik als sinnvolle Ergänzung anderer Heilmethoden und strebt interdisziplinäre Zusammenarbeit an.

Kontraindikationen der Chiropraktik
-Tumoren -Akute Infektionen -Gravidität -Völlige Erschöpfungszustände

Wie oft muss behandelt werden?
Im akuten Fall genügen oft ein bis zwei Behandlungen je nach Grundkonstitution des Patienten und Art der Diagnose im Abstand von ca. 2 Wochen. Tiere lerrnen erstaunlich schnell, sich auf eine chiropraktische Behandlung einzustellen. Falls erhebliche pathologische Veränderungen bestehen, benötigen diese Tiere weitere chiropraktische Behandlungen in größeren zeitlichen Abständen. Selbst bei alten und bewegungsmüden Patienten lässt sich oft eine deutliche Steigerung der Lebensqualität erzielen.

Weiterbildung Chiropraktik
Chiropraktik wird, wie die meisten Naturheilverfahren, derzeit nicht an den Hochschulen und Universitäten während des Studiums als eigenes Fach gelehrt. Eine Ausbildung in Chiropraktik ist im Rahmen der Weiterbildung nach der Approbation möglich. Bislang existiert keine Zusatzbezeichnung oder ein Fachtierarzt für Chiropraktik in Deutschland. Derzeit gibt es daher auch keine bundeseinheitlichen Vorgaben für die Ausbildung in Veterinär-Chiropraktik. Es existieren weltweit zwei Dachorganisationen, in denen sich auf Chiropraktik spezialisierte Tierärzte organisiert haben:
AVCA (American Veterinary Chiropractic Association) www.animalchiropractic.org IVCA (International Veterinary Chiropractic Association) www.ivca.de
Weltweit gibt es drei Lehrprogramme, die sich aus dem von Dr. Sharon Willoughby erstmals angebotenen Modell entwickelt haben. Die Programme werden an fünf Schulen gelehrt:
-BackBone-Academy, Deutschland, AVCA/IVCA akkreditiert,
ATF anerkannt -Healing Oasis, USA und Kanada, AVCA akkreditiert -IAVC (International Academy of Veterinary Chiropractic),
Deutschland und England, IVCA akkreditiert -Options for Animals, USA, AVCA/IVCA akkreditiert -Parker College, USA, AVCA akkreditiert
Die wachsende Popularität von Chiropraktik wird in der Zukunft wahrscheinlich zu einer Vergrößerung des Angebotes an Lehreinrichtungen führen.


Artikel erstellt am: 23. Januar 2008, 10:52