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Chinesische Kräuter

Chinesische Kräuter sind – wie auch die Akupunktur – ein wichtiger Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Chinesische Kräuter werden eingesetzt, um Krankheiten zu vermeiden und zu behandeln. Somit sind sie auch Bestandteil der Phytotherapie.

Geschichte der Chinesischen Kräuter
Chinesische Kräuter werden seit Jahrtausenden eingesetzt. Eine der ersten schriftlichen Erwähnungen von Chinesischen Kräutern und Rezepturen findet man im Huangdi Neijing (Die Medizin des Gelben Kaisers), das zu Beginn unserer Zeitrechnung geschrieben wurde. Nur wenig später wurde das Shen Nong Ben Cao Jing (Shennongs Klassiker der Heilpflanzen) geschrieben, die Grundlage der heutigen Materia Medica der Chinesischen Kräuter. Bevor die spezifischen Eigenschaften der jeweiligen Pflanzen niedergeschrieben werden konnten, mussten jedoch jahrhunderte- wenn nicht sogar jahrtausendlange empirische Erfahrungen gesammelt werden, so dass man auf eine drei- bis viertausend Jahre lange Erfahrung bei den Chinesischen Kräutern zurückblicken kann.
Bei beiden erwähnten Klassikern fehlte noch die Verbindung von therapeutischen Effekten und Eigenschaften der Kräuter. Erst in der Sui (581 – 618) und frühen Tang (618 – 907) Dynastie entsteht das Yao Xing Ben Cao (Materia Medica der medizinalen Eigenschaften), das Geschmack, Temperatur, Toxizität, Funktion und klinische Anwendungen der Kräuter in Zusammenhang bringt und beschreibt.

Begriff Chinesische Kräuter
Der Begriff „Chinesische Kräuter“ beinhaltet hauptsächlich Pflanzen, aber auch Mineralien und wenige tierische Bestandteile. Bei den Pflanzen kann entweder das gesamte Kraut (cao) verwendet werden oder Teile der Pflanzen, wie Blüten (hua), Blätter (ye oder pi), Wurzeln (gen) oder Samen (ren oder zi). Auch Zweige (zhi) oder Rinde (rou) von Bäumen werden genommen.
Bei den Mineralien findet man Muschelkalk (Mu Li) wie auch Fluorkalzium (Zi Shi Ying), Bernstein (Hu Po) oder Eisenoxide (Sheng Tie Luo).
Bedingt kommen der Regenwurm wie auch Grillen oder Seidenraupen zum Einsatz. Dabei handelt es sich um speziell dafür gezüchtete Tiere.

Es gibt unterschiedliche Darreichungsformen der chinesischen Kräuter. In der Humanmedizin werden häufig Dekokte (tang) eingesetzt, die als Tee verschrieben werden. In der Tiermedizin werden Teepillen (wan) oder Pulver angeboten (san). Die Verabreichung erfolgt oral, überwiegend übers Futter.

Anbau Chinesischer Kräuter
Die Pflanzen selber werden in asiatischen Ländern (u. a. Taiwan, China) angebaut und nach Europa importiert. Einige dieser Pflanzen findet man auch in den USA oder Europa wie z.B. Ginseng (Ren Shen), Chrysanthemenblüten (Ju Hua) oder Katzenminze (Jing Jie), andere dagegen sind hauptsächlich in Asien ansässig, z.B. Rehmannia (Di Huang).

Chinesische Kräuter kann man mittlerweile in mehreren deutschen Apotheken erwerben. Dort bezogene Kräuter sind bezüglich ihrer toxischen Eigenschaften und des Schadstoffgehaltes untersucht worden und entsprechen den deutschen Richtlinien. Sie werden auf Pflanzenschutzmittel, Schwermetalle und Metalle, mikrobiologische Verunreinigungen, Radioaktivität, Mykotoxine, Restlösungsmittel, Pyrrolizidinalkaloide, Emodine und Acrylamide per Hochleistungsflüssigkeitschromatographie (HPLC), Massenspektrometrie (MS), Gaschromatographie (GC), Dünnschichtchromatographie (DC), UV/VIS-Spektrometrie, Detektoren für Radioaktivität und mikrobiologische Tests untersucht.
Apotheken und Firmen prüfen heutzutage auch Bestandteile tierischen Ursprungs. So findet man in keinem Rezept Tigerpenis oder Elfenbein.

Anwendung von Chinesischen Kräutern
Der Anwendung Chinesischer Kräuter geht immer eine genaue Diagnose nach den Regeln der Traditionellen Chinesischen Medizin voraus. Die Kräuter sind in die gleichen Kategorien eingeteilt, wie man sie bei der TCM findet: So können sie beispielsweise bei schmerzhaften Stagnationen Qi und Blut bewegen, bei Kälteerkrankungen das Innen wärmen, bei Mangelzuständen stärken und bei Hitzeerkrankungen (z. B. bei Fieber oder bei geröteten, mit Wärme einhergehenden Hauterkrankungen) kühlen. Jede Pflanze wird ihrer Temperatur entsprechend charakterisiert (kalt, kühl, neutral, warm, heiß) und besitzt eine gewisse Geschmacksrichtung (bitter, sauer, süß, scharf, salzig). Die Aufbereitung eines Krautes kann die Eigenschaften verändern. Eine Pflanze, die gekocht wird, erhält zusätzlich Energie und kann dementsprechend wärmer werden. In der TCM erfolgt meist ein Zusammenfügen verschiedener Kräuter zu einer Rezeptur. Das Rezept wird im Rahmen der Therapie individuell angepasst. Hierbei ist eine genaue Diagnose nach den Untersuchungsmethoden der TCM wichtig, da es sonst zu unerwünschten Nebenwirkungen kommen kann. Eine genaue Kenntnis der chinesischen Kräuter und ihrer Eigenschaften ist die Voraussetzung für einen optimalen therapeutischer Effekt und die Vermeidung von Nebenwirkungen.

Die Anwendungsgebiete chinesischer Kräuter sind vielfältig. In früheren Zeiten wurden sie häufig bei inneren Beschwerden angewandt (Organprobleme, metabolische Erkrankungen, Allergien usw.) doch gibt es auch hervorragende Rezepturen für die so genannten äußeren Probleme (Bewegungsapparat, Meridiane, Muskeln), die insb. zusammen mit der Akupunktur sehr effektiv sind. Chinesische Kräuter finden besonders dort Anwendung, wo die Möglichkeiten der westlichen Medizin ausgeschöpft sind, u.a. bei Schmerzen, bei unspezifischen Beschwerden oder auch Verhaltensproblemen. Eine Kombination mit westlichen Arzneimitteln ist häufig problemlos. Somit können Chinesische Kräuter auch komplementär zu einer westlichen Behandlung eingesetzt werden.

Ein weiterer Vorteil der Chinesischen Kräutermedizin besteht in der Möglichkeit, präventiv zu wirken, Krankheiten also erst gar nicht entstehen zu lassen. Ein Tierarzt, der den Puls, die Schleimhäute und die diagnostischen Akupunkturpunkte seiner Patienten nach den Kriterien der Chinesischen Medizin untersucht, erkennt frühzeitig Organdisharmonien, die unbehandelt zu Krankheiten führen könnten. Bei der Prävention spielt häufig der konstitutionelle Typ des Tieres eine Rolle. Die Einteilung erfolgt anhand der fünf Elemente. Jedes Element hat besondere Stärken und Schwächen.
Der Holz- oder Lebertyp ist sehr charakterstark und leistungsbereit. Er scheut keine Auseinandersetzungen mit Menschen und braucht eine feste Führung. Da er sehr stark auf Stress reagiert, kann das den Lebertyp leicht in ein Ungleichgewicht stürzen. Dieses zeigt sich durch Wutausbrüche und Aggressionen. Um die Leber wieder zu harmonisieren und das Gleichgewicht zwischen den fünf Elementen wiederherzustellen, kann die Rezeptur „Xiao Yao San“ verwendet werden.
Der Feuer- oder Herztyp ist sehr freundlich und einfach im Umgang. Er gibt sehr gerne Laute jeglicher Form von sich und mag sowohl Menschen wie auch andere Tiere. Er ist jedoch sehr sensibel. Ein aus dem Gleichgewicht geratener Herztyp neigt zu Panikanfällen oder Verhaltensstörungen. Häufig leidet dabei das Herz-Yin. Die Rezeptur „Tian Wang Bu Xin Dan“ sorgt für eine ausreichende Stärkung des Herzens.
Der Erde- oder Milztyp ist ausgeglichen und gelassen. Er lässt sich vieles gefallen und nimmt nur wenig krumm. Häufig neigt er zum Fettansatz. Der Milztyp ist genügsam und zeigt seine Probleme, wie z. B. Verdauungsstörungen, erst spät an. Da die Milz ein sehr wichtiges Organ ist, sollte es durch die Rezeptur „Si Jun Zi Tang“ gestärkt werden, bevor überhaupt ein klinisches Problem auftreten kann.
Der Metall- oder Lungentyp ist leistungsstark und zuverlässig. Dieser Typ nimmt Regeln sehr ernst und wird fast nie einen Befehl verweigern. Er ist verantwortungsbewusst und man kann ihm ohne weiteres trauen. Beim Metalltypen treten häufig Probleme im Bereich der Lunge, der Nase oder in Form von Allergien auf. Abhängig von der Problematik sind die Rezepturen „Bai He Gu Jin Tang“ oder „Bu Fei San“ geeignet diesen Konstitutionstypen zu unterstützen.
Der Wasser- oder Nierentyp ist eher ruhig und zurückhaltend. Er ist intelligent und lernt gut, wenn auch ein bisschen langsam. Im Gleichgewicht stehend ist er sehr gut auf seinem Gebiet, bei einem Ungleichgewicht jedoch neigt er zu Überängstlichkeit und Rückenproblemen. Abhängig von dem TCVM-Syndrommuster können Rezepturen wie „Liu Wei Di Huang“ oder Einzelkräuter wie Rehmania (Di Huang) oder Fructus Jujubae (Da Zao) diesem Konstitutionstypen Ruhe bringen.

Da die Chinesischen Kräuter aktive Stoffe enthalten, die in die metabolischen Vorgänge des Körpers eingreifen und sie verändern, garantiert nur ihre genaue Kenntnis eine sichere Behandlung. Die Abgabe von Chinesischen Kräutern gehört somit in die Hand zertifizierter Tierärzte, die aufgrund ihrer Ausbildung eine sichere TCM-Diagnose stellen können. Die Zusammenstellung eines passenden Rezeptes basiert auf Syndrommustern, nicht auf einer spezifischen Erkrankung. Erkrankungen sind Teil der chinesischen Diagnose, geben aber nicht ausreichend Informationen über die weitere Charakterisierung des Syndromes. Erst eine korrekte chinesische Diagnose wird zu einem Heilerfolg mit Kräutern führen. Die Therapie mit Chinesischen Kräutern ist eine wahre Bereicherung der Medizin, da auch Bereiche angesprochen werden, die im westlichen Denken in kein Krankheitsbild passen.

Autoren: Dr. Natascha Keunecke und Dr. Sabine Vollstedt

Mit vielen Dank an Monika Bartholome fürs Korrekturlesen.

Literatur
Bensky et. al., Chinese Herbal Medicine Materia Medica, 2004, Eastland Press
Bensky et. al., Chinese Herbal Medicine Formulas and Strategies, 1990, Eastland Press
Xie, Huisheng, Chinese Veterinary Herbal Handbook, Florida, USA, Chi Institute of Chinese Medicine, 2004
Phytolab, Leistungsverzeichnis 2010


Artikel erstellt am: 30. Juni 2010, 11:17