GGTM e.V.

Ohrakupunktur

Dr. Uwe Petermann – 15.03.2007

Es ist mir ein besonderes Anliegen, wenn schon nicht unseren Patienten selbst, dann aber wenigstens deren Besitzern eine Erklärung zu geben, wie die Akupunktur und die Akupunkturdiagnostik und speziell die Ohrakupunktur funktionieren und welche enormen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten sich hieraus ergeben.

Was versteht man unter Akupunktur?

Akupunktur bedeutet Reizung von klar definierten Punkten, den Akupunkturpunkten am Körper und am Ohr des Patienten, um über nervale Bahnungen ganz gezielt und selektiv bestimmte Erfolgsorgane funktionell anzuregen oder zu sedieren. Das Wissen darüber, welche Punkte ich nun bei einer bestimmten Erkrankung behandeln muss, entspringt der jahrtausendelangen empirischen Forschung der traditionellen chinesischen Medizin und den Forschungserkenntnissen der modernen Ohrakupunktur.

Was ist anders als in der konventionellen Medizin?

In der Ohrakupunktur stehen wie in der Körperakupunktur nie nur allein die aktuellen Beschwerden im Mittelpunkt der Behandlung. Wenn man sich einmal eine akute Verstauchung im Sprunggelenk bei einem Patienten vorstellt, dann stehen sicherlich die akuten Schmerzen dieses Gelenkes zunächst im Vordergrund. Bei einem Unfall, der zu einer solchen Distorsion führt, kann man sich sehr leicht vorstellen, dass nicht nur das Sprunggelenk alleine „etwas abbekommen“ hat. In der Regel findet man fast immer weitere beteiligte Gelenke, also z.B. das Hüftgelenk und zusätzlich ein bestimmtes Wirbelsegment, welches ebenfalls durch den Unfall blockiert wurde. Nun ergibt sich die Frage, ob es nur reiner Zufall ist, dass gerade bei diesem Patienten speziell dieses Wirbelsegment blockiert wurde und nicht das Nachbarsegment. In der Regel wird das schwächste Glied in der Wirbelsäule nachgeben. Und hier haben wir auch schon den Zusammenhang mit Organschwächen, denn die vegetative Steuerung der Organfunktionen erfolgt über Nerven, die sich aus den zugehörigen Wirbelsäulensegmenten zusammensetzen und eine Schwäche eines Organs schwächt automatisch auch das Wirbelsegment. Es wird sich nicht um einen Zufall handeln, dass man bei etwa 80% der Patienten das Nieren und das Lebersegment blockiert findet. Dies sind die Organe, die durch unsere heutige Umweltbelastung permanent unter Druck stehen. Der Nierenfunktionskreis hat außerdem noch die permanenten Stressbelastungen und die psychischen Belastungen auszugleichen. Dies ist der Grund, dass man heute bei Mensch und Tier fast immer eine Schwäche des Nierenfunktionskreises diagnostizieren kann. Die Kausalkette bei der Entstehung einer Erkrankung lässt sich noch erheblich weiter verfolgen. Hieraus ergibt sich, dass es einfach nicht ausreichend sein kann, wenn man nur das aktuelle Symptom behandelt und den Rest des Patienten außer Acht lässt, denn aus diesem Fehler ergeben sich auf längere Sicht die chronischen Erkrankungen. Über die Akupunktur kann man aber nun nicht nur mit Hilfe der Beachtung dieser Zusammenhänge chronischen Erkrankungen vorbeugen, sondern sie auch behandeln.
In der Ohrkupunktur wird über einen streng gegliederten Untersuchungsgang nach möglichst vielen dieser kausalen Faktoren gefahndet.
So ist es auch möglich, dass Behandlungserfolge durch Akupunktur bei herkömmlich nicht therapierbaren Krankheiten nicht, wie man vielleicht glauben mag, auf Einzelfälle beschränkt sind. Sie sind vielmehr die Regel. Selbstverständlich gibt es auch Ausnahmen, denn es wird auch erfahrenen Akupunkturärztinnen und –ärzten nicht in jedem Fall möglich sein, alle Zusammenhänge, die zur Erkrankung geführt haben, aufzudecken und auszutherapieren. Das heißt, dass auch die Akupunktur kein Allheilmittel ist!
Dennoch ist es so, dass die Akupunktur nicht nur die vielleicht bekannten Bereiche in der inneren Medizin, Schmerzmedizin, Sportmedizin, Gynäkologie usw. abdeckt, sondern wirklich die gesamte Bandbreite der Medizin, bis hin zu Augenerkrankungen und dem Einsatz in der Chirurgie zur Verbesserung der Wund- oder Frakturheilung oder der Behandlung postoperativer Komplikationen.
Die Akupunktur ist zwar keine Wunderbehandlung, aber sie ist eine vielseitig einsetzbare, hochwirksame Heilmethode, wenn sie fachlich kompetent eingesetzt wird. Sie hat ganz nebenbei noch den Vorteil, dass sie keinerlei negative Nebenwirkungen mit sich bringt.

Die Ohrakupunktur ist im Gegensatz zur traditionellen Akupunktur, der Körperakupunktur, eine sehr junge Behandlungsmethode. Es handelt sich um eine geniale Entdeckung des französischen Akupunkturarztes Dr. Paul Nogier. Um die Selbstständigkeit als eigenständiges Akupunktursystem hervorzuheben, welches zunächst mit der klassischen Akupunktur nichts weiter gemeinsam hatte, als das Einstechen von Nadeln in die Haut, nannte man die Ohrakupunktur auch nach dem Lateinischen auris, das Ohr, auch ganz bewusst Auriculotherapie bzw. Auriculomedizin. In der Tat kann man sagen, dass sich im Laufe nun eines halben Jahrhunderts eine völlig neue Medizin aus dieser Idee entwickelt hat.
Nogier war durch eine Reihe von zufälligen Entdeckungen zu der Vermutung gekommen, dass es Reflexpunkte am Ohr gibt, über die man einen regulierenden Einfluss auf die bestimmte Körperregionen ausüben kann. Nach jahrelanger Forschung und dem Zusammentragen immer weiterer Reflexpunkte, die auf ganz bestimmte Organe oder auf aus ganz bestimmte Gelenke oder Bereiche der Wirbelsäule wirken, fand er eine Zuordnung der Ohrpunkte heraus, die in etwa der eines auf das Ohr projizierten Fetus entsprach.

Die Reflexzonen am Ohr sind etwa angeordnet wie ein in das Ohr projizierter Fetus. Am Ohrläppchen liegen die Gehirnpunkte, so wie Auge, Ohr und Nase. Die Wirbelsäule liegt auf einer wulstigen Kannte, die den inneren Bereich des Ohres, in dem die Organpunkte liegen von dem äußeren Bereich, wo die Gelenkpunkte der Arme und Beine liegen, trennt. Die Punkte des Rückenmarks schließlich liegen auf dem umgekrempelten Ohrrand.


Aufbauend auf den grundlegenden Ideen von Dr. Nogier wurden später vor allem von Dr. Bahr und Dr. Strittmatter außerordentlich detaillierte Ohrkarten erstellt (Strittmatter 2005), in der nicht nur exakte Organlokalisationen und Gelenklokalisationen festgelegt sind, sondern auch genaue nervale Strukturen wie der Trigeminus Nerv oder der Ischiasnerv zu finden sind. Beginnend in den 80er Jahren hielt die Ohrakupunktur auch zunächst zögerlich Einzug in die Tiermedizin.

Im Gegensatz zur Körperakupunktur behandelt man in der Ohrakupunktur zunächst nach rein westlichen Gesichtspunkten. Man behandelt hier Reflexpunkte für die Leber, den Dickdarm, das Ovar, bzw. den „Nierenpunkt“ den „Thymuspunkt“ oder den „Uteruspunkt“. In der orthopädischen Ohrakupunktur behandelt man einfach den „Kniegelenkspunkt“, den „Ellbogenpunkt“ oder den Punkt eines bestimmten Brustwirbels usw.! Das heißt, genauso, wie es für jede Körperstruktur, sei es ein Gelenk, ein Organ, ein Muskel oder ein Nerv einen konkreten Schmerzpunkt im Gehirn gibt, gibt es einen analogen Referenzpunkt am Ohr. Die neurologischen Zusammenhänge zwischen Ohrpunkt und Körper beweist eine ganz aktuelle Untersuchung Alami, bei der augrund von magnetresonanztomografischen Untersuchungen des Gehirns ermittelt werden konnte, dass durch eine Reizung z.B. des Kniegelenkpunktes am Ohr exakt die gleiche Stelle im Gehirn aktiv wird, wie bei der direkten Reizung des Kniegelenkes.
Sehr wichtig ist auch die Tatsache, dass man diese Ohrpunkte nun sowohl zur Diagnose als auch zur Therapie nutzen kann. Die Möglichkeit der Diagnose einer Erkrankung beruht darauf, dass die Reflexpunkte nur dann aktiv sind, wenn das dazugehörigen Organ oder Gelenk erkrankt ist. Welche Punkte aktiv sind kann man mit so genannten Punktsuchgeräten, die auf den geringeren elektrischen Hautwiderstand der aktiven Punkte reagieren, herausfinden. Eine weitere Methode die aktiven Punkte zu finden, ist die RAC-Tastung. Hierbei macht man sich einen Nervenreflex zunutze, der nur beim Abtasten eines aktiven Ohrakupunkturpunktes entsteht und zu einer fühlbaren Pulsveränderung des Patienten führt. So kann man innerhalb weniger Minuten über die Untersuchung der Ohrakupunktur herausfinden, ob eine Lahmheit z.B. bei einem Pferd vom Iliosakralgelenk, vom Hüftgelenk, vom Kniegelenk oder aus dem Sprunggelenk kommt. Oder man kann bei einem Hund z.B. eine Nierenerkrankung schon diagnostizieren, ohne dass die Ergebnisse einer Blutuntersuchung vorliegen, ja sogar wenn die Blutuntersuchung noch gar keine auffallenden Veränderung aufweist. Neben dem diagnostischen Wert sind diese so gefundenen Ohrpunkte auch hervorragend wirkende Akupunkturpunkte. Vor etwa 20 Jahren habe ich begonnen analog den humanmedizinischen Ohrkarten, veterinärmedizinische Ohrkarten mit allen bei Pferden und Hunden relevanten Ohrpunkten anzufertigen. Inzwischen bestätigt mir eine nun 19- jährige eigene Erfahrung im Umgang mit diesen Ohrkarten die hohe Verlässlichkeit der gefundenen Punkte. Als Beispiel möchte ich die erste Veröffentlichung meiner Ohrkarte vom Pferd von 1989 vorstellen (Abb1)

Abb1 Orthopädische Ohrkarte vom Pferd von 1989, Sacrum ist Kreuzbein, Genus ist Kniegelenk, LWS, BWS und HWS sind die Wirbelsäulenabschnitte. Außerdem sind schon einige übergeordnete Punkte angegeben: Allergiepunkt, Valiumpunkt, ACTH Punkt usw.

Übereinstimmung von Ohr und Körperakupunktur

In den 90er Jahren hat man in der DAA (Deutsche Akademie für Akupunktur und Auriculomedizin) eine Technik entwickelt, mit der man auch die bekannten Körperakupunkturpunkte auf das Ohr projizieren kann. So sind seit etwa zehn Jahren beim Menschen auch die Meridianverläufe am Ohr bekannt. Die hierbei gefundenen Übereinstimmungen waren absolut verblüffend, wenn man bedenkt, dass die Ohrakupunktur auf einem rein westlichen Medizinverständnis basiert und zunächst keinerlei Verbindung zur traditionellen Akupunktur hatte. Diese neuen Erkenntnisse können uns nicht nur ein neues Verständnis aus wissenschaftlicher Sicht für die Akupunktur vermitteln. Sie zeigen auch in eindrucksvoller Weise, dass westliche Ohrakupunktur und traditionelle Körperakupunktur absolut deckungsgleich auch aus vollständig unterschiedlichen Gedankenkonzepten heraus die gleiche Natur beschreiben und therapieren.

Literatur
  1. Alimi D, Geissmann A, Gardeur D. Auricular Acupuncture Stimulation Measured on Functional Magnetic Resonance Imaging, Medical Acupuncture- A Journal for Pysican by Physicans Volume 13/Number 2
  2. Ambronn, G., Petermann, U., Werner, L. (2001) Ohrakupunktur in der Veterinärmedizin Sonntag Verlag, Stuttgart
  3. Petermann U. (1989) Die Ohrlokalisationen der Gelenke beim Pferd. Akupunkturarzt/Aurikulotherapeut 7-8/1989/167
  4. Petermann U. (2007) Kontrollierte Ohrakupunktur bei Hund und Pferd, Praxis Lehrbuch, Sonntag Verlag, Stuttgart (erscheint im Juli 2007)
  5. Strittmatter B. (2005) Taschenatlas Ohrakupunktur nach Nogier/Bahr 3. überarb. Aufl., Hippokrates Verlag, Stuttgart

Weitere Informationen: www.akupunkturtierarzt.de