GGTM e.V.

Goldakupunktur

Dr. Michael Wolters – 16.02.2011

Der Begriff Goldakupunktur (GAP) ist eine Wortschöpfung im deutschen Sprachraum und bezeichnet eine Spezialform der Akupunktur, eine aus Asien stammende, Jahrtausende alte Heilmethode (siehe dazu unter Akupunktur).
Der US-amerikanische Tierarzt Terry Durkes hatte auf dem 25. Kongress der IVAS (International Veterinary Acupuncture Society) im Jahre 1999 über eine Methode berichtet, die er in Abwandlung einer früheren Technik seines Kollegen Dr. Grady Young in seiner Praxis seit 1975 entwickelt hatte. Es handelte sich um die Implantation von kleinen Goldkugeln in Akupunkturpunkte (Gold Bead Implantation). Zunächst wurden Schäferhunde mit Hüftgelenksdysplasie behandelt. Die Erfolge waren so gut, dass dieses Verfahren auch bei anderen chronischen Krankheiten eingesetzt wurde.

Im deutschen Sprachraum wurde diese Methode danach zwar vereinzelt auch angewandt, der Durchbruch kam jedoch mit Vorträgen auf dem IVAS-Kongress in Wien im Jahre 2000. Nachdem einige Tierärzte, die schon lange Akupunktur-Erfahrung hatten, die Anregungen aufnahmen und in die Praxis umsetzten, zeigte sich bald, dass die GAP eine sehr erfolgreiche Behandlungsweise sein kann.
Als erfahrener Akupunkteur sah Terry Durkes seine Methode in erster Linie als eine Schmerztherapie mit Hilfe der Akupunktur. Seine Erfolge gaben ihm Recht. Wenn man aber einen Schritt weiter geht und diese Dauer-Akupunktur in das System der TCM einbettet, nämlich als Teil eines ganzheitlichen, weil nicht nur das betroffene Gelenk, sondern den ganzen Körper betreffenden Prozesses, ist es nicht verwunderlich, dass man mehr erreicht als Schmerzfreiheit.

Goldakupunktur im hier gebrauchten Sinne meint somit die Verwendung von Goldimplantaten als Akupunktur nach den Regeln der Traditionellen Medizin (TCM). Warum diese Methode so wirksam ist und was sich im Organismus abspielt, ist weitgehend unbekannt. Bisher gibt es dazu nur Theorien, die mögliche Erklärungen bieten. Die Kritik weist immer wieder darauf hin, dass diese Methode nicht wissenschaftlich überprüft ist. Hier sei aber auf die Tatsache hingewiesen, dass in Deutschland seit kurzem Akupunktur bei gewissen Krankheiten als Kassenleistung bezuschusst wird, nachdem sich bei einer aufwendigen Studie gezeigt hat, dass sie deutlich bessere Erfolge aufweisen konnte als herkömmliche Therapieverfahren. Das Fehlen von wissenschaftlichen Erklärungen hindert nicht die Anwendung erfolgreicher Methoden.

GAP wird im Wesentlichen eingesetzt bei chronischen Erkrankungen der Gelenke. Sichtbarer Ausdruck einer erfolgreichen Behandlung ist die verminderte Schmerzempfindlichkeit, weswegen auf Schmerzmittel vollständig oder zumindest weitgehend verzichtet werden kann. Dabei kommt es, i.G. zur Schmerzunterdrückung und Entzündungshemmung mit üblichen Medikamenten, zu einer deutlichen Verlangsamung des Um- und Abbauprozesses am und im Gelenk. Die bestehenden Veränderungen können zwar nicht rückgängig gemacht werden, der Alterungsprozess wird aber deutlich verlangsamt. Auch wenn das Problem nicht beseitigt wird, kann der Organismus offenbar besser damit umgehen.

Es ist wichtig zu wissen, dass die im Röntgenbild sichtbaren Veränderungen nicht dem Beschwerdebild entsprechen müssen. Eine schmerzhafte Hüfte z.B. kann durchaus nur geringe Veränderungen im Gelenk zeigen und umgekehrt. Wenn also auf einer Röntgenaufnahme trotz erheblicher Beschwerden nur wenig Krankhaftes zu sehen ist, die Untersuchung aber eindeutig auf eine Erkrankung hinweist, ist die Untersuchung maßgeblich für die Entscheidung zu einer GAP. Andererseits können erhebliche Gelenksveränderungen mit nur mäßigen Beschwerden einhergehen. Auch dann ist eine GAP sinnvoll, um nämlich das Fortschreiten des krankhaften Prozesses zu verlangsamen.

Die häufigsten Erkrankungen, die mit GAP behandelt werden, sind Hüftgelenksdysplasie (HD), Arthrosen der großen Gelenke (Knie, Schulter, Sprunggelenk) und Spondylosen (Brückenbildungen an den Wirbelknochen). Die größte Erfolgsrate (etwa 95%) hat die Behandlung der HD. Das mag daran liegen, dass ein funktionierendes (schmerzfreies) Hüftgelenk weit mehr Unterstützung durch kräftige Muskulatur erfährt als jedes andere Gelenk. Die Diagnose der vorstehenden Krankheiten, für die GAP infrage kommt, wird in herkömmlicher Art durchgeführt, kann also in jeder Tierarztpraxis erfolgen.
Die GAP ist natürlich nicht nur auf Hunde beschränkt. Jedes Tier lässt sich so behandeln, insbesondere auch Pferde, die oft an chronischen Entzündungen der unteren Gliedmaßen leiden.

Die Technik ist relativ einfach: Mit einer Hohlnadel (Kanüle) werden die Goldstückchen oder -kügelchen in bestimmte Akupunkturpunkte verbracht. Die Kunst besteht darin, einmal die richtigen Punkte zu kennen, dann diese Punkte auch zu treffen. (Terry Durkes sagte in seinem o.g. Vortrag, wenige Millimeter daneben schwächen den Erfolg deutlich ab.) Klassische Akupunktur versucht dabei mit sowenig Punkten wie möglich auszukommen. Diese Prozedur muss beim Tier in einer leichten Allgemeinnarkose vorgenommen werden, um Spontanreaktionen und Muskelspasmen zu vermeiden. (Beim Pferd reicht eine Ruhigstellung in Kombination mit einer örtlichen Betäubung). Eine Nachbehandlung ist i.d.R. nicht erforderlich. Für einen Dauererfolg wichtig ist aber das Verständnis der Zusammenhänge beim Tierbesitzer, der nicht glauben darf, weil der Hund wieder schmerzfrei läuft, sei alles in Ordnung.

Der Vorteil der GAP gegenüber chirurgischen Maßnahmen liegt im Wesentlichen darin, dass, abgesehen von der hohen Erfolgsrate, keine Gewebe zerstört werden (Knochen, Muskeln, Sehnen). In den wenigen Fällen, in denen die GAP nicht oder nur unbefriedigend wirkt, könnte später jede andere Therapiemethode versucht werden.
Nebenwirkungen treten bei korrekter Anwendung der Methode i.d.R. nicht auf. Die Goldstückchen wandern nur selten, was aber offenbar keine Auswirkungen auf den Erfolg hätte. Die Anwendung anderer Behandlungs- oder Untersuchungsmethoden (z.B. MRT) wird in keiner Weise behindert.
Auch wenn die GAP bemerkenswerte Erfolgsraten aufzuweisen hat, ist sie kein Allheilmittel. Akupunktur ist eine funktionelle Therapie, sie kann also keine zerstörten Strukturen wiederherstellen (z.B. gerissene Kreuzbänder). Sie kann allenfalls den Heilungsprozess fördern, indem das natürliche Heilbestreben des Organismus durch subtile Reize angeregt wird. Wie wir aus der Humanmedizin wissen, sprechen etwa 10% der Patienten gar nicht auf Akupunktur an. Bei den Tieren ist es vermutlich ähnlich. Das könnte ein Grund sein, warum z.B. auf die GAP der HD eben nicht alle Hunde ansprechen, sondern “nur” etwas über 95%.
Tierbesitzer, die an einer GAP interessiert sind, sollten sich gut informieren. Eine erfolgreiche Methode findet immer auch Nachahmer, die sie zwar anbieten, aber nie richtig gelernt haben. Goldimplantate können auch wirksam sein, wenn sie ohne Verständnis von Akupunktur durchgeführt werden. Der Langzeiterfolg wird aber ausbleiben, weil die Zusammenhänge für die Wirksamkeit nicht bekannt sind und also auch nicht befolgt werden können. Eine gute Voraussetzung für erfolgreiche GAP ist eine fundierte Ausbildung und langjährige Erfahrung in Akupunktur, was z.B. durch die Zusatzbezeichnung (ähnlich Fachtierarzt) Akupunktur belegt wird. Ein Kollege beschrieb den kleinen Unterschied folgendermaßen: „Auch Goldimplanteure haben Erfolg, aber Goldakupunkteure wissen, warum sie Erfolg haben“.