GGTM e.V.

Anthroposophische Tiermedizin

Die Grundlage der anthroposophischen Tiermedizin ist die naturwissenschaftliche Tierheilkunde, erweitert um Erkenntnisse, die aus der anthroposophischen Geisteswissenschaft Rudolf Steiners gewonnen sind.
Diese Erkenntnisse beinhalten in erster Linie das Miteinbeziehen nicht-materieller Kräfte und Prozesse (die Anthroposophie hat Methoden zu ihrer Wahrnehmung und Erforschung entwickelt) und somit einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen, des Tier-, Pflanzen- und Mineralreichs, ja der ganzen Erde und des Kosmos.

Rücken wir diese Erkenntnisse in den Bereich des Möglichen, bietet sich uns eine ganz neue Sichtweise der Tiermedizin, die weit über das hinausgeht, was die Naturwissenschaft beschäftigt.

Folgende und weitere Fragen ergeben sich :

Was ist ein Tier? Als Gattung, Art, Herden- oder Einzeltier? Als Wild-, Haus- oder Heimtier? Woher kommt es? Welches ist seine Aufgabe in dieser Welt? Wie hängt es mit der geistigen Welt zusammen ? Wie mit der Entwicklung der Erde? Hat das Tier eine Seele? Wenn ja, welche Beziehung hat sie zu seinem Körper? Wie empfindet es? Kann es denken? Hat es ein Gedächtnis? Was ist Instinkt? Wann und wie sind Wildtiere, wie Haustiere entstanden? Wie verhält sich das Wildtier zu seiner natürlichen, das Haustier zu seiner menschengeprägten Umgebung?

Warum gibt es verschiedene Tierarten? Wie und wann sind sie entstanden? Was haben sie gemeinsam? Was unterscheidet sie? Wo liegen die Fähigkeiten, Stärken und Schwächen ihres Organismus?

Welche Beziehung zur Menschheit, zum Menschen, zu seinem Betreuer hat das Tier? Was hat sein Organismus gemeinsam mit dem des Menschen? Wodurch unterscheidet er sich von ihm?
Wie kann ich ein Tier verstehen? Wie kann ich seine « Sprache » lernen?

Was bedeutet es, wenn ein Tier krank ist ? Wie leidet es? Wie spürt es Schmerzen? Welches ist seine Beziehung zur Krankheit? Wie geht der Mensch, wie geht das Tier mit seiner Krankheit um? Welcher Siinn steht dahinter?
Welche Bedeutung haben Tierseuchen?

All diese Fragen lassen sich zusammenfassen in der Grundfrage : WIE IST DAS WESEN DES TIERES?
Die Antwort auf diese Frage prägt unsern Umgang mit Tieren allgemein, sowie mit den Patienten (und ihren Betreuern!) im Einzelfall in der Praxis.

Es ist zu berücksichtigen, dass jeder Mensch und jedes Tier, insbesondere die Haus- und Heimtiere, die die Mehrzahl unserer Patienten ausmachen, in einem engen sozialen Kontakt steht mit seiner Umgebung und auch deren Einflüsse bewältigen muss. Diesen Einflüssen sind Tiere (und Kinder) in weit grösserem Mass ausgeliefert als erwachsene Menschen.
Interessanterweise gibt es bei Wildtieren, falls sie in einer intakten Umwelt ohne Störung leben, keine Krankheiten. Krankheiten treten erst dort auf, wo der Mensch Einfluss gewinnt. Konsequent durchgedacht ist eigentlich immer der Mensch die Ursache für Krankheiten bei Tieren, ganz speziell bei Haus- und Hobbytieren, die sich ihm ja vollständig anvertrauen.

Die Behandlung eines kranken Patienten in der Praxis müsste deshalb in jedem Fall beim Tierbesitzer beginnen. Aufklärung über Haltung, Fütterung und Betreuung auf materieller und seelischer Ebene kann schon viel bewirken, auch für die Prophylaxe. Da dies nicht immer einfach und erfolggekrönt ist, ist es meist unsere Aufgabe, dem kranken Einzeltier Hilfe zu bieten.

Zum Verständnis des Organismus eines Tieres bietet die anthroposophische Anschauung Hilfe :
Ausgehend von der Erkenntnis des Menschen lassen sich zwei grundlegende Systeme beschreiben (die in modifizierter Form auch für das Tier Gültigkeit haben) : die kräfteorientierte Gliederung in vier Wesensglieder (« Viergliederung ») und die Gliederung in drei Arten von Prozessen, die in einem Organismus tätig sind (« funktionelle Dreigliederung »).

Die Viergliederung unterscheidet eine « physische Organisation (physischer Leib) », die physikalisch-chemischen Kräften untersteht und zusammenhängt mit dem Mineralreich ; eine « Lebensorganisation (Ätherleib) », die von kosmischen Lebenskräften bestimmt wird und mit der Pflanzenwelt Gemeinsamkeiten hat ; eine « seelische Organisation (Astralleib)», die durch Empfindungskräfte bestimmt wird und mit dem Tierreich verbunden ist und die geistig bestimmte « Ich-Organisation (Ich) » des Menschen.
Dieses « Ich » ist für jeden einzelnen Menschen individuell. Es ist der Teil des Menschen, der sich von einem Leben zum nächsten immer wieder auf der Erde inkarniert und sich durch die dabei gemachten Erfahrungen weiterentwickelt. Es prägt die andern drei Wesensglieder.
Tiere haben kein « Ich » wie der Mensch. Ihr « Ich » existiert nur in der geistigen Welt, ist nicht im Erdenleib eines Tieres inkarniert. Es ist auch nicht ein persönliches Ich, sondern es ist sozusagen der Ursprung und die Leitung jeweils einer Tierart und wird deswegen auch Gruppen-Ich genannt. Mit ihm hängt der Instinkt der Tiere zusammen. Es prägt die andern Wesensglieder jedes Einzeltiers und darum sind sich z.B. Kaninchen ähnlicher als Menschen. Höher entwickelte Tiere haben eine gewisse « Anlage zu einem Ich », was sie etwas individueller macht, aber lange nicht so wie den Menschen.

Die funktionelle Dreigliederung differenziert Prozesse, die aufbauender Natur sind (« Stoffwechsel-Gliedmassen-System »), solche mit abbauendem Charakter (« Nerven-Sinnes-System ») und solche, die zwischen den beiden vermitteln (« Rhythmisches System »). Alle drei Arten von Prozessen sind im ganzen Organismus tätig, haben aber ihren Schwerpunkt in jeweils verschiedenen Körperregionen und Organen. Dementsprechend bezeichnet die anthroposophische Menschenkunde sie auch als « oberer Mensch » oder sogar nur « Kopf » für die Nerven-Sinnes-Prozesse, « unterer Mensch » für die Stoffwechsel-Gliedmassen-Prozesse und « mittlerer Mensch » für die rhythmischen Prozesse. Die Prozesse des « Oben » sind die leibliche Grundlage des Wahrnehmens und des Denkens, die des « Unten » für das Wollen, das Bewegen, das Tun, die der « Mitte » für das Fühlen, also für die drei menschlichen Seelenfähigkeiten. Die Ausgewogenheit der drei Arten von Prozessen und vor allem die Stärke der rhythmischen Mitte ermöglichen dem Menschen seine Freiheit.

Beim Tier, das nicht aufrecht zwischen Himmel und Erde steht wie der Mensch, sondern seine Wirbelsäule waagrecht und parallel zur Erdoberfläche trägt, scheint das mittlere, rhythmische System nicht so eigenständig wie beim Menschen zu funktionieren, so dass sich die Prozesse des « Vorne » und des « Hinten » in der Mitte vermischen. Wahrnehmen (z.B. Tierarzt) und Tun (z.B. davonrennen oder beissen) können vom Tier nicht so klar getrennt und bewusst gehandhabt werden wie vom Menschen (z.B. müde sein und doch nicht schlafen wollen). Dementsprechend bezeichnet Rudolf Steiner die Funktionen des tierischen Organismus als eher « Zweigliederung ».

Die verschiedenen Tierarten unterscheiden sich durch die unterschiedliche Gewichtung der Prozesse, eine fast unendlich vielfältige Variationsbreite macht den Reiz der Tierwelt aus. Bei den aufmerksamen, schnellen Nagetieren z.B. überwiegen die Nerven-Sinnesprozesse, währendem bei den Wiederkäuern die überwiegende Stoffwechseltätigkeit die träumerische, langsame Art bedingt. Katzenartige zeichnen sich durch Geduld aus, ihre « mittleren » Prozesse sind stark ausgeprägt.

Die Wesensglieder und die Funktionen der Dreigliederung stehen in einem beweglichen Gleichgewicht, das spezifisch ist für jeden individuellen Menschen, jede Tier-Art, jedes Organ-System, jedes Organ, jedes Gewebe.

Gesundheit bedeutet die Fähigkeit eines Organismus, dieses Gleichgewicht in Bezug auf seine Wesensglieder und seine Funktionen aufrechtzuerhalten.
Krankheit ist dadurch charakterisiert, dass ein Organismus nicht mehr fähig ist, dieses Gleichgewicht immer wieder herzustellen.

Zwischen Mensch und Tier besteht ein sehr wichtiger Unterschied im Umgang mit Krankheit. Der Mensch zieht dadurch, dass er dauernd um sein Gleichgewicht ringt und dies in ausgeprägtem Mass, wenn er « krank » ist, Nutzen für seine seelisch-geistige Entwicklung. Er kann den Umgang mit seiner Krankheit bewusst begleiten und gestalten. Diese Möglichkeit fehlt dem Tier. Es erlebt Schmerz und Leiden viel intensiver, da seine Seele mit seinem Organismus viel enger verbunden ist, als dies beim Menschen der Fall ist und es kann nicht bewusst relativieren.

Dies muss bei der Wahl der Therapie und der Heilmittel berücksichtigt werden. Sie basiert im wesentlichen auf der Diagnose des gestörten Gleichgewichts der Funktionen und / oder der Wesensglieder.

Die Heilmittel für die Therapie werden aus tierischen, pflanzlichen oder mineralischen Substanzen hergestellt, welche durch ihre Entstehungsgeschichte eine Verwandtschaft aufweisen mit den diagnostizierten Ungleichgewichten im erkrankten Patienten.
Zwischen bestimmten Stoffklassen und den Wesensgliedern sowie Stoffen und Organen, Funktionen und Konstitutionen bestehen besondere Affinitäten.
Ebenso wichtig wie die Stoffe sind ihre Kombinationen sowie die Herstellungsprozesse, einschliesslich der Möglichkeit der Potenzierung. Sie sind die Voraussetzung für eine optimale Wirkung im kranken Organismus.

Es werden in der anthroposophischenTiermedizin mit guten bis sehr guten Erfolgen sowohl für Tiere neu konzipierte als auch ausgewählte Heilmittel aus der anthroposophischen Humanmedizin eingesetzt.

Die anthroposophische Tiermedizin gibt es seit über 80 Jahren, es kümmern sich aber viel zu wenig Menschen darum. Es besteht ein immenser Forschungsbedarf. Die Internationale Gesellschaft für anthroposophische Tiermedizin IGAT bemüht sich in regelmässigen Arbeitstagungen darum.

Es bleibt uns noch, uns vor den Tieren zu verbeugen und ihnen zu danken. Seit dem Anfang ihrer Entwicklungsgeschichte sind sie eine Grundlage für das materielle, seelische und geistige Dasein und die allgemeine und persönliche Weiterentwicklung aller Menschen, ganz besonders für uns Tierärzte.

Internationale Gesellschaft für Anthroposophische Tiermedizin (IGAT)