GGTM e.V.

Naturmedizin

Viele Tierhalter vertrauen bei der Behandlung ihrer Lieblinge auf ganzheitliche Heilmethoden wie die Homöopathie. Ein Besuch beim Tierarzt

Willi ächzt und schnauft. Mit zitternden Beinchen steht der Yorkshire-Terrier auf dem Behandlungstisch in der Praxis von Dr. Heidi Kübler in Obersulm-Willsbach (Baden-Württemberg). „Du brauchst keine Angst zu haben“, sagt die Tierärztin in beruhigendem Tonfall und streichelt den nervösen Hund. Dann tastet sie den Bauch des 15 Jahre alten Rüden ab, untersucht nacheinander Ohren, Augen, Lefzen, Zunge. „Willi hat wieder dicke Lymphknoten im Kopfbereich. Aber sein Blutbild ist derzeit in Ordnung.“

Der Hunde-Senior ist ein alter Bekannter in Küblers Praxis für biologische Tiermedizin. Seit Jahren wird er hier betreut. „Willi hat immer wieder Probleme mit der Bauchspeicheldrüse. Sein Herz schwächelt, und außerdem leidet er an Tumoren der Leber und der Nase. Deshalb auch die komischen Atemgeräusche“, sagt Kübler, Vorsitzende der Gesellschaft für ganzheitliche Tiermedizin. Gegen die akuten Verdauungsbeschwerden, die Willi so plagen, dass ihn sein Frauchen zur Untersuchung gebracht hat, verordnet die Tierärztin das homöopathische Arznei-mittel Nux vomica (Brechnuss) als Streukügelchen. „Dreimal täglich drei bis vier Globuli.“ Damit wird es Willi ihrer Erfahrung nach bald besser gehen.


Yorki Willi nimmt freiwillig homöopathische Globuli
(Foto: Dr. Heidi Kübler)

Selbstheilungskräfte aktivieren
Die Homöopathie ist ein Verfahren der Naturheilmedizin. Mit gezielten Impulsen aus natürlichen Arzneimitteln will sie die Selbstheilungskräfte des Körpers aktivieren – nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren. Kübler, studierte Veterinärin mit einer Zusatzausbildung in biologischer Tiermedizin sowie Heilpraktikerin, setzt Homöopathie nicht alternativ, sondern ergänzend zur Schulmedizin ein. „Wenn eine Blutuntersuchung alarmierende Werte ergibt, wie bei Willis Bauchspeicheldrüsenentzündung vor zwei Monaten, komme ich mit homöopathischen Mitteln allein nicht weit. Das Tier braucht dann dringend ein Antibiotikum.“ Damit weist die Tierärztin auf die Grenzen der Homöopathie hin: Sie sind erreicht, wenn Gewebe oder Organe zerstört oder in ihrer Funktion stark eingeschränkt sind.

Auch Willi kann nicht vollständig geheilt werden. Doch die ganzheitliche Medizin lindert mit Homöopathika, Vitaminen und Mineralstoffen seine aktuellen Beschwerden und verbessert seine Lebensqualität. Deshalb ist der Vierbeiner insgesamt noch relativ fit. „In Österreich ist er anderthalb Stunden mit uns auf die Hütte und wieder zurück gewandert“, erzählt sein Frauchen Susanne Petzsche aus Dimbach.

Wenig wirkt viel
Anders als die Schulmedizin orientiert sich die Homöopathie sehr stark an -individuellen Krankheitszeichen. Den vierbeinigen Patienten mit Reiseübelkeit etwa gibt es nicht. Je nachdem, wie sich ein Tier im Auto verhält, ob es während der Fahrt unruhig hechelt oder in der Kurve erbricht, sich sofort nach dem Aussteigen oder erst Stunden danach erholt, bekommt es ein anderes Mittel: Nux vomica oder Petroleum, Cocculus oder Tabacum.

Das Wirkprinzip der Homöopathie ist dabei: Ähnliches mit Ähnlichem heilen. Das heißt, der Behandler wendet Extrakte pflanzlicher und tierischer Substanzen oder Mineralien an, die in höherer Dosis bei einem Gesunden ähnliche Symptome hervorrufen wie diejenigen, die sie bei einem Kranken kurieren. So löst Nux vomica beim Gesunden Übelkeit aus, heilt diese aber als Homöopathikum beim Erkrankten.

Das Ausgangsmaterial wird mit einem Alkohol-Wasser-Gemisch in mehreren Stufen verdünnt und verschüttelt. Diesen Vorgang nennt man Potenzierung. Nicht die Menge des Wirkstoffs im Präparat ist gemäß der homöopathischen Lehre der entscheidende Wirkfaktor, sondern die „energetische Information“, die darin gespeichert ist.

In der allgemeinen Tier-Homöopathie, wie sie Kübler „mit Einzelmitteln für eine bestimmte Situation, für bestimmte Beschwerden“ praktiziert, kommen hauptsächlich Mittel niedriger und mittlerer Potenzen (D- und C-Potenzen) zum Einsatz. Beispiele für bewährte Anwendungen: Allium cepa D6 (Küchenzwiebel) bei Fließschnupfen, Silicea C30 gegen eitrige Hautentzündung, wie sie zum Beispiel Küblers -Patientin Chili, eine dreijährige Mischlingshündin, an einer Kastrationsnarbe bekam. Daneben verwendet ein allgemein homöopathisch arbeitender Tierarzt auch Komplexmittel – standardisierte Zubereitungen aus mehreren Einzelmitteln.

Die klassische Tier-Homöopathie setzt Mittel höherer Potenz und Hochpotenzen (LM-Potenzen) ein. Vor allem Tiere mit langwierigen chronischen Erkrankungen erhalten eine klassisch-homöopathische Behandlung, die nicht direkt das einzelne Symptom, sondern die verborgene Ursache dahinter angeht.

Besonders wichtig ist dabei ein ausführliches Erstgespräch (Anamnese) mit dem Besitzer über die Krankengeschichte des Tieres, Verhaltensauffälligkeiten, Futtervorlieben oder auch Fressgewohnheiten. Auf der Basis dieser Informationen sucht der Homöopath aus den mehr als 2000 verfügbaren Naturarzneien das Mittel aus, das die Fülle an Krankheitszeichen am ehesten abdeckt – das sogenannte Simile (lateinisch = das Ähnliche).


Homöopathische Globuli
(Foto: Dr. Heidi Kübler)

Frei von Nebenwirkungen
Ein wichtiger Pluspunkt der Tier-Homöopathie: Sie ist nebenwirkungsfrei. Auch schwache Jungtiere wie der acht Wochen alte Fuchur können problemlos damit behandelt werden. Eine Mitarbeiterin Küblers fand das weiße Katzenbaby völlig ausgekühlt auf einem Acker im Nachbardorf. „Als Fuchur zum ersten Mal bei mir war, wog er nur 500 Gramm. Jetzt hat er schon auf ein Kilo zugelegt“, freut sich Kübler und streichelt den Kopf des kleinen Katers.

Darüber hinaus sind homöopathische Mittel umweltverträglich. „Es gibt keine Rückstände, die in der Umwelt landen“, sagt Kübler. Biobetriebe lassen ihr Vieh deshalb in der Regel homöopathisch behandeln. Doch auch für die konventionelle Landwirtschaft zahlt sich die Naturmedizin vor allem finanziell aus.

„Bei landwirtschaftlichen Nutztieren, die mit homöopathischen Arzneimitteln behandelt werden, gibt es keine Wartezeit auf Milch und Fleisch“, ergänzt Dr. Christine Nowotzin, Tierärztin für klassische Homöopathie im fränkischen Obernbreit und Dozentin der Europäischen Akademie für Veterinär-Homöopathie.

Behandelt ein konventionell arbeitender Tierarzt etwa einen Milchviehbestand wegen eines erhöhten Zellgehalts in der Kuhmilch mit Antibiotika, darf die Milch dieser Tiere für drei bis fünf Tage nicht verkauft werden. Bei einer Herde von 50 bis 60 Hochleistungskühen, die zusammen etwa 2000 Liter Milch pro Tag liefern, liegt die finanzielle Einbuße für den Betrieb schnell bei mehreren Tausend Euro. Bei einer homöopathischen Behandlung dagegen ist der Verkauf nicht eingeschränkt. Nicht zuletzt profitieren die Tiere selbst von der Naturmedizin, sagt Nowotzin: „Die Art der Anwendung ist für sie sehr angenehm. Die Medikamente werden über das Futter oder das Trinkwasser verabreicht, und es muss nicht gespritzt werden.“

Homöopathischarbeitende Tierärzte finden Sie zum Beispiel hier:

Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin
im Internet: www.ggtm.de (Tierärzte für allgemeine oder klassische Homöopathie)

Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte e.V.
im Internet: www.welt–der–homoeopathie.de (Ärzte für klassische Homöopathie)

Quelle: Apotheken Umschau 10/2008 B/ Ute Essig