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Vergiftungen von Weidetieren durch Jakobs-Kreuzkraut

Jakobs-Kreuzkraut (JKK) breitet sich gebietsweise stark aus. Im vorliegenden Beitrag werden Informationen zur Pflanze, sowie zu Ursachen und Vermeidung der Ausbreitung gegeben.

Steckbrief (siehe auch Fotos)
Jakobs-Kreuzkraut, syn. Jakobsgreiskraut (Senecio jacobaea)
Familie der Korbblütler, Asteracea

Eine Bildergeschichte finden Sie hier: Jakobskreuzkraut.pdf

Vorkommen von Jakobskreuzkraut:
in Mitteleuropa zerstreut bis verbreitet auf Halbtrockenrasen, sonnigen Hängen, mageren Wiesen, Ödland, Wegrändern

Beschreibung:
je nach Bodenbeschaffenheit 30-100 (-180) cm hoch,
Stängel kantig-gerillt, an der Basis oft rötlich-violett gefärbt, aufwärts zunehmend grün und verzweigt
Blätter im 1. Jahr als Rosette auftretend, tief fiederteilig, Blattunterseite schwach behaart, beim Zerreiben unangenehm riechend; im 2. Jahr Stängel- und Blütenbildung, danach Tod der Mutterpflanze;
Blüte: 15-20 mm große, goldgelbe Blütenkörbchen, meist 13 Strahlenblüten, in aufrechten Doldentrauben, Blütezeit Juni-August, abgemähte Pflanzen bis in den Oktober.

Fortpflanzung:
Eine einzige Pflanze kann mehr als 140.000 Samen bilden, diese werden durch einen winzigen fallschirmartigen Flugapparat mit dem Wind im Umkreis von ca. 10 m, wenige bis 50 m weit verbreitet. Durch Tiere und Ackermaschinen (Mähwerke, Mulcher etc.) kommt es zu wesentlich weit-räumiger Verbreitung. Wird blühendes JKK gemäht, reifen bis zu 80% der Samen nach (Notreife). Zum Keimen benötigt der Same offenen Boden. Er bleibt bis zu 25 Jahre keimfähig.
Mähen vor Ausbildung der Blüten oder unvollständige Bekämpfungsmethoden machen aus der zwei-jährigen eine mehrjährige Pflanze. Aus der Hauptwurzel heraus bilden sich Tochterpflanzen, ebenso aus im Boden verbliebenen Wurzelstücken. Diese nehmen schnell den Raum ein, der durch die Entfernung der Mutterpflanze frei geworden ist.

Jakobs-Kreuzkraut enthält problematische Inhaltsstoffe.
In allen Pflanzenteilen des JKK lassen sich Pyrrolizidinalkaloide (PA) nachweisen. Diese PA sind besonders für Rinder und Pferde giftig. Mit ihren PA schützen sich Pflanzen vor Fraßfeinden. Tiere meiden PA-haltiges JKK wegen seines bitteren Geschmackes. Viele Pflanzenfresser haben sich im Laufe der Evolution bereits mit den PA arrangiert. Für Schafe, Ziegen, Kaninchen, Meerschweinchen und Mäuse sind Pyrrolizidinalkaloide weniger giftig.
Erkrankungen bei Rind und Pferd durch JKK werden als Seneciose (Schweinsberger Krankheit) bezeichnet. Die Seneciose ist i.d.R. eine chronische Krankheit, in deren Verlauf es zu schweren Schäden in der Leber kommt (Leber-Fibrose).

Verbreitung von Jakobskreuzkraut
In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ließ sich ein Rückgang der einst häufigen und verlustreichen Lebererkrankungen durch JKK feststellen. Durch intensive Bodenbewirtschaftung waren die Bestände des JKK drastisch zurückgegangen.
Vor wenigen Jahren kam es durch Umstrukturierung in der Landwirtschaft wieder zur Ausbreitung von JKK. Stellenweise hat auch die Verwendung von JKK zur Begrünung von Straßenböschungen zu dieser Ausbreitung beigetragen. Auch der Klimawandel mag eine Rolle spielen, da JKK wärmeliebend ist.
Mit verstärktem Auftreten von JKK ist überall dort zu rechnen, wo die Pflanzendecke lückig ist. An Straßenböschungen und Bahndämmen, auf Kahlschlägen, Naturschutzflächen, Industrie- und Gewerbeflächen und Bau-Erwartungsland, wo nicht oder erst spät gemäht wird, kann sich JKK massenhaft aussamen . Auch extensiv genutzte Grünlandflächen mit Mutterkuhhaltung oder Pferde-Hobby-Haltung begünstigen JKK. Gute Bedingungen findet JKK besonders auf übernutzten Weiden, auf denen zu viele Tiere weiden und dem Weideland keine Erholungszeiten gewährt werden.
Da Pferde bei geringem Futterangebot auf der Weide das Gras sehr kurz abbeißen und ausreißen, wird durch sie die Grasnarbe stark strapaziert und dadurch schnell lückig. Trittschäden v.a. bei Dauerbeweidung und Überbesatz, insbesondere unter nassen Verhältnissen, begünstigen dann die Ansiedlung von JKK.
Leider wird in der Hobbyhaltung unter “extensiver Weidenutzung” häufig ein Sich-selbst-Überlassen der Weide verstanden, statt Reduzierung der Weidetiere pro Flächeneinheit (0,6 Großvieheinheiten/Ha über das ganze Jahr). Werden Weideflächen nicht gepflegt, können sich neben JKK diverse andere Schadpflanzen ausbreiten.

Rückgang der Nutzungsintensität, mangelnde Pflege und lückenhafter Bewuchs von Weiden sind die wichtigsten Ursachen für die Ausbreitung von JKK. Verschärft wird die Situation durch vernachlässigte benachbarte außerlandwirtschaftliche Flächen.

Maßnahmen zur Eindämmung des JKK
Die Schaffung einer dichten Grasnarbe vermindert die Chancen für JKK. Dies erreicht man durch 2-3 Schnitte und Nachsäen von Gras- und Leguminosen-haltigen Kräutermischungen bei Bestandslücken und durch Einsatz von organischem Dünger. Bei mäßigem Befall mit JKK ist sorgfältiges Ausgraben unter Schonung der Grasnarbe (Grabgabel) die beste Methode. Bei starkem Befall kann Mähen mit beginnender Blüte im Juni UND August empfohlen werden. Dieses Schnittgut ist als Futter nicht verwertbar, denn weder als Heu noch als Silage verliert JKK seine Giftigkeit. Man muss es von der Fläche entfernen und so entsorgen, dass das JKK nicht zur Notreife kommen kann. JKK-Samen überstehen die Kompostierung, sollten also über Biogasanlagen entsorgt werden.
Es ist zu bedenken, dass durch Mähen die Rosette des JKK kräftiger wird, der Giftgehalt steigt und die normalerweise zweijährige Pflanze zur mehrjährigen Pflanze wird.
Umpflügen ist aufgrund der Möglichkeiten des JKK sich aus Wurzelresten erneut zu bilden, keine Lösung!

Vergiftung durch Jakobskreuzkraut
Auf der Weide wird JKK aufgrund seines bitteren Geschmackes von den Tieren gemieden, vorausgesetzt es steht ausreichend anderes Futter zur Verfügung. Bei Futtermangel werden zumindest junge Pflanzen mit geringeren Bitterstoffgehalten gefressen. Der Giftgehalt ist in diesen Pflanzen besonders hoch. Tödliche Mengen werden jedoch kaum erreicht.
JKK-belastetes Heu und Silage sind die eigentliche Gefahr für Pferde und Rinder! Denn getrocknet und siliert verliert JKK seine Bitterstoffe und wird uneingeschränkt gefressen.

Symptome einer JKK-Vergiftung (Seneciose)
Symptome bei Pferden, die auf eine Vergiftung der Leber mit JKK hindeuten können, sind untypisch. Schlechter Ernährungszustand, nachlassende Kondition, schnelles Schwitzen, Appetitlosigkeit mit Gewichtsverlust, Kolik, Verstopfung oder Durchfall, starke Blähungen, häufiges Gähnen und Lecksucht können auf einen Leberschaden hinweisen. Erkrankungen der Haut, Sonnenbrand, Mauke und Fellwechselstörungen sind ebenfalls Hinweise, ebenso Verhaltensänderungen.
Vergiftungssymptome bei Rindern sind nachlassende Milchleistung, gestörte Pansenbewegung, Appetitlosigkeit, Durchfall, rapider Gewichtsverlust, struppiges Fell, Sonnenbrand, Trägheit, Festliegen und plötzliche Krämpfe.

Eine chronische Leberbelastung hat immer mehrere Ursachen!
Jakobskreuzkraut ist selten der alleinige Grund für eine Leberschädigung. Die für die Verbreitung des JKK im Weideland und im Heu genannten Ursachen gelten auch für andere unverträgliche und giftige Pflanzen, die der Leber schaden. Mangelnde Weidepflege verschärft zudem die Problematik des Befalls mit Magen-Darmparasiten. Auch Parasiten schaden der Leber sowohl direkt als auch indirekt durch häufig und planlos eingesetzte Antiparasitika.
Je mehr die Leber als Entgiftungszentrale des Körpers geschädigt ist, um so mehr Gifte und schädliche Stoffwechselprodukte reichern sich im Organismus an. Entscheidend für die Ausprägung einer Leberschädigung ist dabei die individuelle Anfälligkeit eines Tieres und der Grad seiner Belastung. Hohe Leistungsanforderungen, Trächtigkeit und Stress machen die Tiere anfälliger für eine Leberschädigung. Zu beachten ist auch, dass im Freizeitreiterbereich viele exotische Rassen gehalten werden, die an die hiesige Pflanzenwelt und das Klima nicht angepasst und dadurch zusätzlich belastet sind.

Diagnose einer Leberschädigung
Beim Auftreten der oben genannten Symptome kann eine Laboruntersuchung des Blutes bei möglichst mehreren Tieren desselben Bestandes Aufschluss darüber geben, ob ein Leberschaden vorliegt.
Ist dies der Fall, muss vorrangig die Fütterung kontrolliert werden. Überfütterung führt ebenso zur Leberbelastung wie eine Eiweißmangelernährung. Auch auf Wurmbelastung incl. Bandwurmbefall muss kontrolliert werden. Außerdem wird im Umfeld des Tieres nach möglichen weiteren Ursachen für Leberbelastungen gesucht. Man lässt das Futter der Tiere untersuchen (Weidebewuchs, Heu, Silage, Kraftfutter, Ergänzungsfuttermittel etc.), achtet auf angefressene Materialien in der Umgebung, kontrolliert gegebenenfalls das hofeigene Wasser etc.

Vorbeugen ist besser als heilen!
Voraussetzung für eine erfolgreiche Schadensbegrenzung bei Ausbreitung von JKK ist umsichtiges Handeln.
JKK spielt eine wichtige Rolle in der Natur. Es ist Pollen- und Futterpflanze für mehr als 170 Insektenarten, die wiederum das Nahrungsangebot von Vögeln und Säugetieren bereichern. Es kann deshalb nicht darum gehen, das JKK auszurotten. Bekämpfungsmaßnahmen sind nur dort zu rechtfertigen, wo eine Gefährdung von Weidetieren gegeben ist. Deshalb ist die vielfach gestellte Forderung nach behördlich angeordneter genereller Vernichtung des Jakobskreuzkrautes, unangemessen. Im Gegenteil: Unkritischer Herbizid-Einsatz gefährdet Mensch und Tier und sollte vermieden werden.
Wenn irgend möglich, sollte JKK überall dort, wo es schaden kann, ausgegraben und das Nachwachsen engmaschig kontrolliert werden. Ausgraben der Pflanze ist dann ohne schädigende “Nebenwirkungen”, wenn den Akteuren bekannt ist, welche Pflanzen mit JKK verwechselt werden können. Rainfarn, Johanniskraut, Goldrute, Gilbweiderich, Pippau, Habichtskräuter, Bocksbart, Ferkelkraut und Gänsedistel sollten solchen Aktionen nicht zum Opfer fallen! Dies würde nicht nur unnötige Arbeit verursachen, sondern hierdurch nähme nicht zuletzt unser ältestes Nutztier, die ohnehin in ihrer Existenz schwer bedrohte Honigbiene Schaden – eine Gefahr für uns Menschen, die langsam ins Bewusstsein rückt.

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt!
Die gebietsweise massenhafte Ausbreitung von JKK sollte Anlass zu besonderer Aufmerksamkeit geben.
Die Gründe für die Ausbreitung sind weitgehend erkannt. Eine effektive Begrenzung der Ausbreitung kann durch die Zusammenarbeit von Landwirtschaft, Hobbytierhaltern, Naturschutzbehörden, Forstwirtschaft und Straßenwirtschaftsämtern erreicht werden. Voraussetzung hierzu ist die Aufklärung über strategisch richtige Eindämmungs- und Bekämpfungsmaßnahmen und sachgerechte Entsorgung bei allen Beteiligten.
Betroffenen Pferdehobbyhaltern sei ans Herz gelegt, sich in Weidepflege und Futtergewinnung sachkundig zu machen. So kann auch der Ausbreitung anderer Schadpflanzen wie scharfem Hahnenfuß, Wolfsmilchgewächsen, Herbstzeitlosen etc. vorgebeugt werden. Sachkundige Weidepflege ist auch wegen der sich verschärfenden Resistenzlage bei Magen-Darmparasiten von großer Wichtigkeit. Tiere auf abgenagten Weiden zu belassen, um die Weide “sauber weiden” zu lassen, d.h. sie zu nötigen, aus Hunger auch das zu fressen, was sie normalerweise stehen lassen würden, begünstigt Vergiftungen und die Infektion mit Magen-Darmparasiten!

Text: Cäcilia Brendieck-Worm
Fotos: Ferdinand Worm