GGTM e.V.

Zwischen Staatsexamen und Doktorarbeit, Rotation und Physikum, bleibt da noch Zeit für Alternativen?

Wir, neun Studenten aus München, haben uns diese Zeit genommen.
Dankend nahmen wir das Angebot von Alexandra Nadig an, bei AnimaPlanta einen Workshop über Phytotherapie speziell für uns Veterinärmediziner zu besuchen.

Mit Schlafsack, Rucksack und Zelt ging es Freitagabend auf dem idyllischen Klotzenhof bei Lorch los. Dort stimmten wir uns bei einem gemütlichen Lagerfeuer schon mal auf das Wochenende ein.
Und wie Studenten so sind, trafen die Restlichen Samstag in der „Früh“, sine tempore, dann auch dazu.
Während aus dem Seminarraum die Trommeln der Shamanen zu uns klangen, versammelte Alex uns in ihrer Praxis. „Erst mal gibt es etwas Theorie!“ Einem Teil von uns entwich ein Stöhnen, zugleich hielt der andere Teil schon eifrig in alter Manier Block und Stift bereit.

Angefangen bei der Geschichte und der Philosophie der Heilkraft der Pflanzen, lernten wir an diesem Tag viele, …sehr viele Alternativen zu Cortison und Penicillin kennen.

Wirkstoffe, Dosierungen und Applikation von pflanzlichen Präparaten, die uns zwar fast alle bekannt waren, deren Wirkungen in der Uni aber nie erwähnt oder bei Nachfrage nur müde belächelt wurden.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt bereuten diejenigen ohne Block, doch nicht mitgeschrieben zu haben.
Am Ende des Vortrags besprachen wir noch einige Fallbeispiele, die in der Praxis von Dr. Nadig erfolgreich therapiert worden sind.

Und auch uns fielen jede Menge Patienten ein, denen mit der klassischen Schulmedizin nur unzureichend geholfen werden konnte und bei denen wir uns einig waren, dass es zumindest ein Versuch wert gewesen wäre, die „Natur mal machen zu lassen“.


Im umgestalteten Wartezimmer erklärt uns Alex die Wirkung von Flavonoiden, Alkaloiden und Phenolen und welche Pflanzen diese entsprechend enthalten.

Nach dem wissenschaftlichen Abschnitt des Tages ging es dann in den Kräutergarten. Dort betrachteten, beschnüffelten und probierten wir eine große Auswahl der Klotzenhofer Heilkräuter. „So schmeckt also Acetylsalicylsäure“ und das aus einer Wurzel und nicht aus einer grünen Packung mit Logo drauf.

Ermutigt von diesem Hexenwerk mit naturwissenschaftlichem Hintergrund stellte sich eine der Studentinnen sogar einem Selbstversuch und ließ ihre Bauchschmerzen und Übelkeit von Alex mit einem geschickt individuell zusammengestellten Tee kurieren.


Was Laien in diesem Gemüsegarten zwischen Broccholi, Kürbis und Karotten für Unkraut halten würden, ist für Alex wichtiges Heilmittel

Bei Eintopf und Lagerfeuer ließen wir am Abend noch mal all die Eindrücke revue passieren. Dabei waren wir uns alle einig, dass uns als Tierärzten ein großer Teil der Medizin vorenthalten wird, und es Zeit ist, den Einzug der Naturheilkunde in die Lehre zu fördern.

Der nächste Tag begann für uns mit einem Frühstück im Stall, begleitet von dem rhythmischen Trommeln der Shamanen im Seminarraum über uns.

Nachdem Dr. Nadig ihre Patienten versorgt hatte, machte sie mit uns einen kleinen Rundgang durch die Praxis. Einige staunten nicht schlecht, digitales Röntgen, ein kleines Labor, Steri und OP Besteck, das sah nun wirklich nicht nach Hokus Pokus aus. Nur Prednisolon, AmoxiClav und Permetrin kann man hier lange suchen, die stehen wenn überhaupt ganz hinten im Regal.

Geimpft wird nach individuellem Schema und Entwurmt nur nach positivem Befund, ansonsten ist alles was wir sehen und was regelmäßig verwendet wird auf pflanzlicher Basis. Aber so simpel das auch aussieht, es gibt kein Schema F. Jeder Patient muss individuell behandelt werden. Und für die schwierigen Fälle kostet es einige Mühe, einen eigenen Therapieplan zu entwickeln.

Dafür legt uns Alex noch einige Bücher ans Herz, nach denen kann man sich bei fast allen Tierarten richten, außer Katzen, Katzen sind bei den pflanzlichen Wirkstoffen etwas eigen. Das überrascht uns nicht, die Erfahrung hat uns gelehrt, Katzen sind immer eigen.


Uns und vielen weiteren Exkursteilnehmern erzählen Micha und Alex von den nützlichen Eigenschaften der Pflanzen in unserer Region und oft auch, welche Mythen sich um sie ranken

Nach der Führung im Haus, gibt es nun eine Führung in der Umgebung. In Gesellschaft vieler weiterer Botanikinteressierter leiten uns Alex und Micha in einer 2 stündigen Tour durch die Wiesen und Wälder um den Klotzenhof.

Total überwältigt von diesem unerschöpflichen Wissen und der so ansteckenden Begeisterung für Mädesüß, Ackerstiefmütterchen, Weißdorn und co. kehren wir wieder am Hof ein. Hat also auch ein bisschen was Mystisches, diese Welt der Pflanzen. Wie diese Jahrtausende währende Koevolution dazu beigetragen hat, dass uns zu jeder Jahreszeit, besonders jetzt im Herbst, genau das zur Verfügung steht, was wir für den bestehenden Wintereinbruch brauchen.


Es muss auch nicht immer die heilende Wirkung von Pflanzen sein, die wir brauchen. Auch der wohltuende Duft von Tannenharz kann einfach nur entspannen.

Für vier von uns hieß es nun Abschied nehmen, denn es lag noch die Fahrt nach München vor uns und eine neue Woche des Klinikalltags. Wohingegen der Rest die Zelte abbaute und den Abend beim Herbstfest am Lagerfeuer ausklingen ließ.

Nach diesem Wochenende blieb für uns nur eine Frage offen; wieso in der derzeitigen Diskussion über Antibiotikamissbrauch und Dispensierrecht eine Alternative, die so nahe liegt, so konsequent ignoriert werden kann.


Artikel erstellt am: 28. November 2014, 14:59