GGTM e.V.

Des Kaisers neue Kleider - Temple Grandin zu Gast im Hessischen Landtag

Die Autistin Temple Grandin ist ein Wissenschafts-Star in den USA. Ihre Erkenntnisse gelten dort als Standard für praktizierten Tierschutz in der kommerziellen Nutztierhaltung und auf Schlachthöfen.


Auf Einladung des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz besuchen wir als Vertreterinnen der GGTM am 28. Oktober 2014 den Vortrag von Frau Professor Temple Grandin zum Thema „Tierschutz auf Schlachthöfen“ im Hessischen Landtag in Wiesbaden.
Die Veranstaltung kommt durch die Initiative der Hessischen Landestierschutzbeauftragten Frau Dr. Madeleine Martin zustande. Parallel dazu wird von Frau Dr. Martin in Zusammenarbeit mit der Tönnies Lebensmittel GmbH die Besichtigung betriebseigener Schlachthöfe organisiert.
Temple Grandin wird begleitet von Mark Deesing, mit dem sie ein Consultingbüro und eine Demonstrationsfarm betreibt. Hier kann sich jeder Interessierte die praktischen Umsetzungen von Grandins Forschungen vor Ort ansehen.
Der Vortrag richtet sich an ein Fachpublikum: an Amtstierärzte und praktische Tierärzte, an Vertreter von Tierschutzorganisationen und aus der Fleischindustrie. Der Medienraum des Hessischen Landtages ist mit knapp 200 Zuhörenden voll besetzt.


Hintergrund
Temple Grandin wurde 1947 geboren und ist Professorin für Nutztierverhalten und Nutztierwissenschaften an der Colorado State University.
Sie gilt in Amerika als Spezialistin und führende Wissenschaftlerin für die Konzeption tierschutzgerechter Anlagen in Viehzuchtbetrieben und Schlachthöfen. Ihr zentrales Anliegen, für das sie sich seit vielen Jahrzehnten einsetzt, ist der angemessene Umgang mit Nutztieren. Hierbei soll den Tieren unnötiges Leiden erspart werden und ein schmerzfreier Tod gewährleistet sein.
Die Hälfte aller Rinder der USA und Kanada durchläuft Betriebe und Schlachthöfe, die von Grandin entworfen wurden. Das von ihr entwickelte Punktesystem zur Bewertung von Schlachthöfen (sogenannte Tierschutz-Audits) gilt in den USA als Maßstab für ausgeführten Tierschutz.
Großflächige Umsetzungen ihrer Forschungen gibt es seit Ende der 1990er Jahre, seit zuerst McDonald`s, später weitere große Fleischkonzerne wie Burger King und Wendy`s, Grandin als Beraterin verpflichteten. Sämtliche Zulieferer erhielten die unumgängliche Auflage Grandins Forderungen bezüglich Handling von Schlachttieren und tierschutzgerechtem Töten einzuführen. Regelmäßige jährliche Überprüfungen mittels externer Audits sind fest etabliert.
Temple Grandin gilt in den USA als Tierschutzkoryphäe und wurde vom Time Magazine im Jahr 2010 zu eine der 100 einflussreichsten Personen der Welt gewählt.
Spätestens seit der Verfilmung ihrer Jugendzeit im Jahre 2010 (Deutscher Titel: „Du gehst nicht allein“) hat sie einen sehr großen Bekanntheitsgrad erlangt.


Temple Grandin ist nicht nur Expertin im Bereich Verhaltensbiologie und Tierschutz bei Nutztieren, sondern gleichermaßen zum Thema Autismus. Sie ist Autistin. Temple Grandin sagt über sich, dass ihr der Autismus zu einer besonderen Sicht auf die Tierwelt verhilft und dass sie deshalb das Verhalten von Tieren sehr gut verstehen und deuten kann.
Durch ihre autismusbedingte Sonderbegabung, dem visuellen Denken, fühlt sie sich dem Empfinden von Tieren eng verbunden. Auch Tiere denken laut Grandin in Bildern.
Die Frage, was sie mit einer Kuh gemeinsam hat, beatwortet Grandin folgendermaßen:
„Ich nehme die Welt in Bildern wahr, nicht in Worten. Und ich bin immer auf der Hut. Das stärkste Gefühl bei Tieren ist Angst, und das ist auch das stärkste Gefühl bei Autisten. … Meine Nerven sind extrem empfindlich. Autisten erschrecken vor den gleichen Dingen wie Rinder: vor hohen Tönen, reflektierenden Gegenständen, Dunkelheit, Sachen, die in der Wildnis Gefahr bedeuten. Auch wenn ich nicht danach suche, nehme ich zum Beispiel automatisch Löcher in Zäunen wahr, also Fluchtwege, wie ein gefangenes Tier.“ (Süddeutsche Zeitung Magazin, Heft 41/2010)
Temple Grandin hat in ihren ersten Lebensjahren nicht gesprochen, hat sich den späteren Wortschatz mühsam wie eine Fremdsprache angeeignet. Sie besuchte Privatschulen, studierte experimentelle Psychologie und promovierte im Fach Tierwissenschaften. Es folgten umfangreiche Forschungen auf diesem Gebiet. Der Antrieb und die Motivation für Ihre Erkenntnisse und deren Umsetzung ergeben sich für Grandin aus ihrem Autismus:
„Bis heute habe ich über 300 wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht. Meine Webseite wird jeden Monat fünftausendmal aufgerufen. Außerdem halte ich im Jahr 35 Vorträge über den richtigen Umgang mit Tieren. Über Autismus sind es noch mal 25 Vorträge, … Die Hälfte sämtlicher Nutztiere in den Vereinigten Staaten und Kanada werden nach Methoden geschlachtet, die ich entwickelt habe. All das verdanke ich zum Großteil der Tatsache, dass mein Gehirn anders funktioniert. Der Autismus verhilft mir zu einer neuen Perspektive auf die Tierwelt.“
(Temple Grandin und Catherine Johnson: Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier, Ullstein Buchverlage 2005)


Vortrag
Zunächst führt die Staatssekretärin Frau Dr. Beatrix Tappeser in das Thema und die Beweggründe ein, die zur Einladung Temple Grandins nach Deutschland führten.
Als zentrales Anliegen will man mit diesem Vortrag qualifiziert zur aktuellen Tierschutzdebatte beitragen. Wie sieht ein ethisch verantwortlicher Umgang mit Nutztieren aus? Wie können unhaltbare Fehlentwicklungen korrigiert, was kann im Sinne eines verbesserten Tierschutzes ganz konkret verändert werden? Seit Jahrzehnten prägen ökonomische Vorgaben und Zwänge die Landwirtschaft auf Kosten des Tierwohles. Frau Dr. Tappeser hebt die Vermeidung von unnötigem Schmerz und Leid beim Schlachttier als oberste Priorität hervor. Hier bestehe dringender Handlungsbedarf und hier solle man auch „über den Tellerrand hinaus schauen“, offen sein für die Erfahrungen und Erkenntnisse anderer.
Im Anschluss steigt Temple Grandin ohne Umschweife in ihr Referat ein. Sie verzichtet komplett auf das Vorstellen von ihr konzipierter Anlagen, sondern konzentriert sich vielmehr darauf, ihren Zuhörern nahe zu bringen, wie wichtig es ist, das Augenmerk ganz auf das Tier und seine Ängste zu lenken. Oft sind es scheinbare Kleinigkeiten, die eine enorm große Wirkung auf das Wohlergehen der Tiere und ihren Stresspegel haben. Diesen „Kleinigkeiten“ wird in der alltäglichen Routine oft viel zu wenig Beachtung geschenkt.
Sie sieht dorthin, wo viel zu oft weg gesehen wird: Schlagen, Stoßen und Anbrüllen der Tiere, hektisches Abladen, Treiben durch unangemessene, rutschige und dunkle Gänge, zu enge Betäubungsfallen, fehlerhafte Betäubung durch nicht lege artis funktionierende Bolzenschussgeräte oder falsch platzierte Elektroden.
Massive Lautäußerungen der Tiere auf ihrem Weg durch die Schlachtanlagen, sogenanntes Vokalisieren, ist ein eindeutiger Hinweis auf übergroßen Stress.
All diesen Erkenntnissen liegen wissenschaftliche Untersuchungen (zum Beispiel massives Ansteigen der Herzfrequenz beim Anschreien der Tiere) zugrunde.
Grandin legt großen Wert auf praktische Lösungen um solche Missstände zu verbessern. Das Grund-Credo des Vortrages formuliert sie immer wieder in einfachen Aussagen wie beispielsweise: Schlachttieren müssen Schmerzen und Leid erspart werden. Die Tiere dürfen sich nicht fürchten. Die Abläufe müssen stimmen. Grandin macht deutlich, dass es die Vielzahl der Tiere nur aufgrund unserer Zucht gibt und wir diesen Tieren ein angenehmes Leben und einen stressfreien Tod schulden.
Folgende Dinge werden als essentiell beschrieben:
Zügiges Abladen ohne Wartezeiten, rutschfeste Böden, gut beleuchtete Treibgänge, keine dunklen Eingänge, keine flatternden Gegenstände, keine Schatten und Reflexionen, genügend Platz in den Treibgängen und Betäubungsfallen, kein Gebläse bzw. keine entgegen strömende Luft, keine im Weg stehenden Menschen, kein Schlagen und kein Schreien. Tiere reagieren extrem auf visuelle Reize und geraten schnell in Panikzustände.
Fast gebetsmühlenartig kommt im Vortrag immer wieder das Thema Bolzenschussgeräte zur Sprache. Grundvoraussetzung für eine fachgerechte Anwendung ist die permanente Wartung, Reinigung und trockene Aufbewahrung der Geräte bzw. Kartuschen. So führt zum Beispiel feuchte Munition zu einem mangelhaften Druck beim Schuss. Alle zugehörigen Aspekte müssen täglich überprüft werden, damit eine 100%ige Betäubung der Tiere gewährleistet ist.
Bei der Elektrobetäubung des Schweines ist das fehlerfreie Ansetzen der Elektroden an den richtigen Stellen essentiell für eine einwandfreie Betäubung. Auch die Amperezahl muss stimmen. So brauchen größere Schweine auch eine entsprechend höhere Stromstärke. Bei dehydrierten Tieren funktioniert die elektrische Betäubung nicht und die Tiere kommen wieder zu Bewusstsein.
Das Schlachten ohne vollständige Betäubung ist laut Grandin nicht akzeptabel. Wenn sich hängende Tiere mit steifem Rücken aufrichten, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie noch leben.
Grandin kritisiert es als Unding und schlimme Handhabe, wenn Schlachthofarbeiter pro getötetem Tier und nicht pauschal bezahlt werden. Die Bezahlung pro Tier ermutigt zu Fehlverhalten, und zwar nicht nur beim Töten von Tieren, sondern beispielsweise auch beim Verladen oder Impfen.
Weiterhin gibt Grandin Impulse zu Veränderungen im Herkunftsbetrieb und beim Transport, die das Handling auf dem Schlachthof erleichtern können. Tiere, die an Menschen gewöhnt sind (z.B. tägliches Herumgehen in den Schweine-Boxen), geraten nicht so leicht in Panik, wenn später auf dem Schlachthof Menschen im Weg herum stehen. Bullen, die gemeinsam aufgezogen werden sollen auch als Gruppe sich kennender Tiere miteinander transportiert werden.
Zur praktischen Umsetzung ihrer Vorgaben in Schachthöfen hat Grandin die Tierschutz-Audit-Programme, eine Art Checkliste, entwickelt. Hiermit ist eine Möglichkeit gegeben, den Tierschutz anhand von eindeutigen Kriterien zu überwachen. Die 5 Kernkriterien hierbei sind (Beispiel Rind):
• Prozentsatz der Tiere, die mit einer einzigen Anwendung des Betäubungsgerätes effektiv betäubt wurden (mindestens 95%)
• Prozentsatz der Tiere, die bewusstlos sind, wenn sie entblutet werden (muss 100% sein)
• Prozentsatz der Tiere, die mit einem elektrischen Viehtreiber getrieben werden (5% ist ausgezeichnet, akzeptabel sind höchstens 25%)
• Prozentsatz der Tiere, die beim Zutrieb stürzen (höchstens 1%)
• Prozentsatz der Tiere, die in der Betäubungsfalle vokalisieren (höchstens 3%)


Fazit
Temple Grandin kann besonders gut in Resonanz mit der Angst und Panik von Tieren gehen. Dies bildet die Grundlage für ihre wissenschaftlichen Forschungen.
Grandins Tierschutz-Auditprogramme zur praktischen Überwachung von Schlachthöfen sind eine sinnvolle Maßnahme um Tieren unnötige Qualen zu ersparen.
Die von ihr konzipierten Anlagen, die sogenannten Grandin Livestock Systems, sollen Stressminderung bei Haltung, Transport und Schlachtung bewirken und dienen außerdem dazu, Unfälle und gefährliche Situationen zu vermeiden. Durch die verminderte Ausschüttung von Stresshormonen wird darüber hinaus eine bessere Fleischqualität erreicht.
Der Zuständigkeitsbereich von Temple Grandin ist von ihr selbst klar definiert. Sie akzeptiert die kommerzielle Tierhaltung. Sie agiert und verbessert innerhalb dieses Systems und stellt es nicht in Frage.
Gut, dass jemand Gehör findet, der sich mit dem Empfinden und Leiden bei Nutztieren auseinandersetzt. Beschämend und bitter, an welchen Selbstverständlichkeiten es im Umgang mit diesen Tieren fehlt und dass es scheinbar zum bestehenden System gehört, das Empfinden von Nutztieren systematisch zu ignorieren.
Temple Grandin erinnert an die Rolles des Kindes im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Sie zeigt als vermeintliche Außenseiterin (im Märchen das Kind, hier die Autistin) mit dem Finger auf eigentlich offensichtliche Missstände, auf die „Nacktheit des Kaisers“. Keiner der am System Teilhabenden und vom Kaiser existentiell Abhängigen will es vorher bemerkt haben. Jeder hat über einen eigentlich offensichtlich untragbaren Zustand hinweg gesehen. Jeder hat stillschweigend akzeptiert, was „von oben“ vorgegeben wurde.
Durch die Vorreiterrolle von McDonald`s und anderen großen Restaurantketten haben sich Grandins Vorgaben in den USA großflächig verbreitet. Hierbei ist anzumerken, dass McDonalds diesbezüglich aufgrund von massivem Druck durch Tierschutzorganisationen gehandelt hat.
Keine Frage, dass sich die Fleischindustrie mit diesem Vorgehen zu einem besseren Ruf in puncto Tierschutz verhilft. Es bleibt zu diskutieren, inwieweit sich dieses Vorgehen stabilisierend auf das bestehende hinterfragungswürdige System der massenhaften Schlachtung von Tieren auswirkt.
Wie eingangs bereits erwähnt, haben Vertreter des Fleischkonzerns Tönnies die Anwesenheit von Temple Grandin genutzt, um mit ihr mehrere Schlachthöfe zu besichtigen.
Bereits vier Wochen zuvor war Temple Grandin auf Einladung von Vion Food als Expertin zu einer Tierschutz-Schulung für McDonalds auf dem Crailsheimer Schlachthof in Baden-Württemberg zu Gast.
Die Verdienste von Temple Grandin sollen, besonders im Hinblick auf jedes einzelne davon profitierende Schlachttier, keineswegs in Frage gestellt werden. Trotzdem ist es wichtig, auch weiterhin über den Tellerrand hinauszuschauen und die in ökonomische Zwänge gepresste Tierhaltung in ihrer Gesamtheit auch weiterhin mit all ihren Aspekten zu hinterfragen. Das betrifft sowohl die Art der Haltung und Schlachtung unserer Nutztiere, als auch den übermäßigen und möglichst billigen Konsum von Fleisch, Milch und Eiern.
Technisierung, Verwissenschaftlichung und Rationalisierung schreiten im Bereich der Nutztierhaltung scheinbar unaufhaltsam voran.
Es sei dahingestellt, ob man wirklich alle ethischen Fragen mit einem ausschließlich wissenschaftlichen Maßstab beantworten kann.


Interessierte können sich auf Grandins Homepage (www.grandin.com) informieren. Auf der Homepage der Hessischen Landestierschutzbeauftragten (www.tierschutz.hessen.de) können die Powerpoint Präsentation des Vortrages sowie zwei Fachartikel von Temple Grandin in deutscher Übersetzung heruntergeladen werden.


Regine Volkert, Ellwangen


Die GGTM dankt Frau Volkert, Frau Domberg und Frau Cascolan dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um die GGTM auf dem Vortrag von Frau Professor Temple Grandin in Wiesbaden zu vertreten.


Artikel erstellt am: 28. November 2014, 12:05